Blur… oder: Wieso Pinky auf’s Maul bekommt

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Lange haben die englischen Mannen aus Liverpool (alias Bizarre Creations) nichts von sich hören lassen: Zuletzt erregten sie mit dem zweiten Teil des grell-bunten Xbox Live Arcade Shooter Geometry Wars Aufsehen in den Medien. Dieser schaffte es dieses Jahr übrigens sogar zu einer eigenen Umsetzung für’s iPad.

Ganz wie Blur: Schon bei Geometry Wars beherrschten Neon-Farben den Bildschirm und brachten den Spieler an den Rand des epileptischen Kollaps.

Davor gab es viele kleine Spiele-Projekte, welche allerdings immer im Schatten einer ganz besonderen, dem Motorsport verschworenen Serie standen: Project Gotham Racing!

Ganz alte Hasen kennen die Serie sogar noch vom Sega Dreamcast, wo sie als Metropolis Street Racer die ersten Runden drehen durfte. Von Anfang an dabei und zentrales Gameplay-Element der Mischung aus Realismus- und Arcade-Racer: Durch mutige Drifts und Einhalten von Zeitlimits konntet Ihr Euch Kudos verdienen – eine Anzahl von Punkten, welche das Ansehen bei den Gegnern, sowohl off- wie online, verdeutlichen sollte.

Im Oktober 2007 erschien dann endlich Project Gotham Racing 4 für die Xbox 360 und zeigte vor allem eines: Die „bizarren Kreationisten“ haben echt ’nen „derben Peil“ von Online-Rennen! Schon nach kurzer Zeit hatte sich PGR4 zum neuen Star am Online-Himmel gemausert und wird selbst heute noch immer gerne gezockt.

Knapp 10 Jahre nach Metropolis Street Racer dreht man jetzt in Blur erste Online-Runden – doch das Kudos-System ist immer noch enthalten (wenn auch umbenannt). Jetzt verdient man sich Fans und Lichter, welche sowohl im Online-Mehrspieler, wie auch im Einzelspielermodus neue Karren, Individualisierungsmöglichkeiten und weitere Herausforderungen freischalten. Die größte Stärke bleibt jedoch weiterhin der Online-Mehrspielermodus. Doch fangen wir am Anfang an!

Was genau ist Blur? Nun, stellt Euch einen großen Mixer vor, jetzt nehmt Ihr Euch Mario Kart, die düster-neonfarbenen Need for Speed Underground – Ableger, sowie eine Prise Burnout, mehrere Scheiben Extra-Waffen aus WipEout und mischt das alles durcheinander – et voilá, bon appetit! Am Ende veredeln wir die Mixtur noch mit der Shooter-Action aus Geometry Wars – denn nichts anderes dürft Ihr in einigen Zerstörungsrunden machen!

Nach dem schicken Vorspann, der Euch schon gut auf die anstehende Action vorbereitet, steht die erste, große Wahl an: Einzelspieler– oder Mehrspielermodus? Im ersteren tretet Ihr gegen neun schräge bis äußerst attraktive Konkurrenten an und kämpft Euch pro Level durch mehrere Herausforderungen, um am Ende gegen den Konkurrenten selbst im OneOnOne anzutreten. Zusätzliche Bedingungen hierfür sind pro Level verschieden – so verlangt der heißblütige „Crash Burn“ beispielsweise, dass Ihr eine feindliche Karre ins Wasser schubst, 100 Wagen zerstört und 5 Wagen mit dem Abräumer von der Strecke befördert.

Womit wir gleich zum interessantesten Aspekt von Blur kommen: Den Extrawaffen!

Shock / Schock: Wer das Blitzsymbol von der Strecke pflückt, kann dieses gegen die im vordersten Fahrerfeld fahrenden Konkurrenten einsetzen. Hier entstehen dann Blitzfelder auf der Strecke, welche die Spieler verlangsamen – so kann das hintere Feld noch gut aufholen, denn das Ausweichen dieser Felder ist bisweilen nahezu unmöglich. Wer ohnehin auf den ersten Plätzen fährt, sollte das Power-up aber nicht gleich als sinnlos abstempeln: Per Dreieck- oder Y-Taste lasst Ihr den Schock auf der Straße zurück und blockt so Schüsse aus dem Hintergrund.

Mine: Die klassische Mario Kart – Banane dünnt das hinter Euch fahrende Fahrerfeld aus. Besonders fiese Naturen platzieren die Minen gezielt: Hervorragende Plätze sind kurz hinter einem Nitro-Powerup, in sogenannten Crash-Kurven (wo das Fahrerfeld zwangsläufig gegen die Bande prallt) oder mit genauem Blick in den Rückspiegel. Außerdem kontert Ihr mit Minen ebenfalls von hinten eingehende Schuss-Attacken. Was viele nicht wissen: Wenn Ihr nach vorne drückt, könnt Ihr die Mine einige Meter nach vorne schießen – die perfekte Close-Range Attacke!

Abräumer: Das lila Symbol lässt eine geladene Schockwelle im 360-Grad Radius um Euren Wagen entstehen, welche die Konkurrenz im Bestfall sogar von Klippen oder ins Wasser befördern kann. Sehr praktisch gegen alles, was sich nahe an Euch dran befindet – mit Blick in den Rückspiegel auch eine starke Waffe für überholende Konkurrenten. Per Erweiterung lässt sich der Radius der Attacke übrigens später vergrößern – so nehmt Ihr noch mehr Fahrer mit ins Verderben.

Stoss: Für die fiese rote Kugel gibt es noch immer keinen passenden Namen aus der Community – außer halt „rote Kugel“, was die Waffe ansich schon gut genug beschreibt. Einmal abgeschossen sucht sich der pulsierende, rote Ball sein Ziel selbst und reißt es ins Verderben – wer schonmal bei gefühlten 250 Km/h unter einem Konkurrenten hindurch gefahren ist, der kurz vorher von einem Stoss in die Luft gehoben wurde, der weiß wovon ich rede.

Spätestens wenn eine Sirene ertönt, sollte man als Vorausfahrender einen Blick in den Rückspiegel werfen – die rote Kugel ist nur schwer abzuschütteln und wird am besten durch Blitze, Abräumer oder einen Gegenstoss gekontert. Wer die Kugel nach hinten schießt, muss auf die Verfolgungsfunktion verzichten – dann zischt das Teil einfach nur geradeaus Richtug Tod und Verderben.

Blitz: Insgesamt drei, per Update sogar vier Schüsse, welche auf einer geraden Bahn nach hinten oder nach vorne geschossen werden können – der Blitz sollte zum Standart-Equipment jedes Fahrers gehören und sollte nicht sofort in der Luft verpulvert werden. Gut gezielt verlangsamt er die vorderen Fahrer, oder (besser!) kontert von hinten anrollende, rote Kugeln.

Nitro: Genau dass, was man sich unter einem neon-grünen Pfeil vorstellt! Aktiviert saust man mit wahnsinniger Geschwindigkeit am Fahrerfeld vorbei… oder gegen die nächste Wand. Hier ist vor allem gegen menschliche Gegner obligatorisch, den Kurs auswendig zu lernen um sich die (festen!) Stellen der Nitro-Powerups einzuprägen.

Wichtig und für die Vielzahl aller Blur-Spieler noch immer ein Mysterium: Auch das Nitro kann nach hinten abgefeuert werden! Wofür sollte ich mit einem Nitro bremsen wollen? Ganz einfach! Auf vielen Kursen gibt es scharfe 90-Grad oder langgezogene 180-Grad Kurven. In beiden wirkt ein nach hinten gezündeter Nitro Wunder: Der Wagen verlangsamt sich, kann vollkommen frei ausgerichtet werden und startet dann mit Vollgas in die neue Richtung.

Also: Nitro bis zur nächsten Todeskurve aufsparen, kurz vor den 15 Leuten, die mit Vollgas ineinander fahren rückwärts zünden… und ab die Post! Eine gute Kombo für solche Kurven besteht aus einem Nitro und einem Schild – dieses wird notwendig wenn man 15 wütende Crash-Leute plötzlich in seinem Rückspiegel verschwinden sieht.

Schild: Schützt vor jeglichem Schaden – egal ob durch Waffen oder wilde Crash-Orgien verursacht. Am besten zündet Ihr das Schild im wilden Getümmel, oder um den eingehenden Rückenbeschuss in der Pole Position abzuwehren.

Reparatur: Schon nach wenigen Schüssen und Crashes segnen viele Fahrer das Zeitliche – der Respawn kann zwar per Update verkürzt werden, befördert einen aber zwangsweise trotzdem einige Plätze zurück im Fahrerfeld. Das Motto sollte also für jeden Fahrer lauten: So wenig crashen wie möglich! Wer eifrig das gelbe Reparatur-Powerup einsammelt, crasht also nicht nur weniger – er fährt auch schneller! Denn sobald sich der Fahrzeugzustand im orangenen (oder gar roten) Bereich befindet, wirkt sich das Ganze auch ordentlich auf die Geschwindigkeit aus.

Das faszinierende an der Waffenwahl – alles ist perfekt durchdacht und es gibt keine Waffe, welche wirklich übermächtig erscheint (wie zum Beispiel der blaue Panzer bei Mario Kart). Außerdem bereits an dieser Stelle schon ein besonders dickes Lob für die gelungene Verteilung der Waffen auf den Kursen: Nitros sind meist gut versteckt und müssen mit einer gewissen Portion Risiko eingesammelt werden.

In Sachen Kurse ist die Auswahl übrigens erfreulich groß: Schon die drei Kurse der Online-Beta konnten Fans stundenlang vor die Kiste bannnen, die Vollversion legt mit über 20 weiteren Kursen nochmal gewaltig einen drauf.

Optisch besonders genial: Die Strecken in San Francisco, welche den Spieler über den Strand in der Nähe Golden Gate Bridge und durch zahlreiche Tunnel hetzen. Im Hafen von Los Angeles rast Ihr durch riesige Lagerhallen und durch Schiffsrümpfe, während Japan Euch die einzige Strecke vorsetzt, die keinem Rundkurs nachempfunden ist: Hier poltert Ihr die Serpentinen einer Bergstrecke herunter.

Aber egal ob kurze Stadtstrecke, breiter Strandabschnitt (mit genialem Feuerwerk im Hintergrund) oder staubiger Trip durch die Wüste – jede Strecke enthält zig Abzweigungen und benötigt einige Zeit um gemeistert zu werden. Ebenfalls wichtig: Die Auswahl des richtigen Gefährts zur Strecke! Mit einem Offroad-Wagen habt Ihr erheblich mehr Chancen auf staubigem oder feuchtem Untergrund, mit einem schnittigen Sportwagen dagegen rast Ihr zielgenauer durch enge Wolkenkratzerschluchten.

Übrigens muss man kein Rennspiel-Profi sein, um sich in der Welt von Blur zurechtzufinden: Der Einstieg gelingt sogar ziemlich fix, die Steuerung ist alles andere als simulationsbeladen und die ersten Erfolge im Online-Modus lassen dank der fairen Powerup-Vergabe selbst bei Anfängern (wie meinereiner) nicht lange auf sich warten – Hauptsache man fährt nicht zu aggressiv und denkt auch mal an die Defensive.

Kommen wir kurz zu den Features von Blur, welche einem nicht unbedingt sofort ins Auge springen: So könnt Ihr in den Optionen zum Beispiel noch gewaltig an den Einstellungen Eurer 5.1 Anlage feilen (was nicht unbedingt gewöhnlich für solche Spiele ist!) und einen lizensierten Soundtrack ins Spiel dazu schalten – die normale Einstellung lässt Euch nämlich nur die Soundeffekte hören. Unter den Songs dabei:

1. Atomic Moog (The Qemists Remix) – Coldcut
2. Bump (Best Fwends Remix) – Spank Rock
3. Coleen (Rhythm Beater Remix) – The Heavy
4. Delucid – Pest
5. Dem Na Like Me (VIP Mix) – The Qemists feat. Wiley
6. Everything is under Control (DJ Kentaro Remix) – Coldcut
7. Gadget Funk – The Herbaliser
8. Harvest Dance – DJ Kentaro feat. Hifana
9. Let There Be Light – The Qemists
10. Make It So (xxx Remix instr) – Daedelus
11. Nothing 2 Step 2 (Trevor Loveys Remix) – Thunderheist
12. On The Run (VIP Mix) – The Qemists feat. Jenna G
13. Pat Pong (Solid Groove remix) – Pest
14. Red Laser Beam – Hexstatic
15. StompBox (Spor Remix) – The Qemists
16. S.W.A.G. – The Qemists feat. Zoe Devlin Love
17. Te Quiero (Aftc Remix) – Zero dB
18. That Girl (Instrumental) – 2 Fingers

Wer sich dagegen nicht online traut und dennoch mal gegen menschliche Gegner zocken will, der braucht nicht in die Röhre zu schauen: Blur unterstützt einen Vierspieler-Splitscreen und bleibt selbst dabei erstaunlich flüssig!

Fazit:

Blur sieht auf den ersten Blick aus, wie „nur“ ein weiteres Rennspiel Marke Need for Speed. Grafisch wirkt es auf den Screenshots meist etwas bieder und selbst in Bewegung gibt es zur Zeit sicher hübschere Bombast-Action im Stil eines Burnout Paradise oder Split/Second.

Doch der Teufel liegt im Detail: Blur spielt sein volles Potential erst nach einigen Spielstunden aus und offenbart sich dann als Spielspaßmonster par excellence. Nach mehreren Tagen Spielzeit sowohl im Solo- wie auch im Mehrspielermodus kann ich sagen: Blur ist nicht nur DIE Rennspielüberraschung der letzten Jahre, nein, es ist schlichtweg das BESTE Rennspiel seit vielen Jahren!

Und das noch niemand auf die Idee gekommen ist Mario Kart mit realistischen Karren zu kreuzen – tja, Leute, Pech! Jetzt haben es die Mannen von Bizarre Creations für euch erledigt! Also nochmal schnell zusammengefasst: Süchtigmachender Online-Modus mit bis zu 20 Spielern gleichzeitig auf der Strecke. Unglaublich intensive und rasante Rennen, welche sowohl Skill, als auch eine Portion Glück verlangen. Ein erstaunlich schwieriger Einzespielermodus mit Events und Herausforderungen bis zum Abwinken.

Negativpunkte? Die Grafik ist nicht up to date und der Twitter und Facebook-Quatsch nervt (zumindest Leute wie meinereiner) – sonst gibt es nichts zu mäkeln. Obwohl – beim hoffentlich bereits in der Pipeline befindlichen Nachfolger will ich eine Musikauswahl, die Metal mit drin hat! Jawollja!

Wertung: Fünf von fünf Pinkys!