Hardy Hart und der steinige Weg an die Spitze der Zocker-Elite

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Immer, wenn man sich heutzutage als… ich nenne sie mal vorsichtig „Sammler“… ein neues Videospiel besorgt, stellt sich unweigerlich die Frage, ob überhaupt noch die Zeit dazu bleibt, das neue Eigentum ordentlich zu „bespielen“. Und mit „ordentlich spielen“ meine ich nicht mal kurz beim Endgegner auf Kaffee und Kuchen vorbeizuschauen, sondern das Werk in seiner ganzen Form so zu respektieren, dass man es nicht gleich nach einmaligem Durchspielen in die Ecke feuert.

Ein zweiter Durchgang auf „Hard“, das zeitraubende Vervollständigen von Trophäen und Gamerscores, das Sammeln von bestimmten Gegenständen, das Level-Farmen auf astronomische Zahlen (99.999 HP FTW!) – heutzutage dürfen sich Leute, welche sich etwas länger mit einem Spiel befassen, bereits mit dem Titel „Profi“ schmücken. Denn – und dies ist gewiss, obwohl wir alle immer nach „Mehr! Mehr!“ schreien: es gibt einfach zu viele Spiele auf dem Markt, als dass man als Multi-Konsolero die Chance hätte in JEDEM dieser Spiele zum Profi zu werden.

Das Problem kenne ich selbst sehr gut: 20 Stunden für ein Spiel sind die Ausnahme, das Regal quillt mittlerweile über mit Titeln, welche ich mir billig gekauft, aber nie angefasst habe.

Darunter so Titel wie Deadly Creatures für die Wii (verkommt mittlerweile auf diversen Grabbeltischen), das epische Sakura Wars, Bioshock 2, Batman Arkham Asylum, zahlreiche JRPGs wie Star Ocean: The Last Hope, Lost Odyssey, Blue Dragon… die Reihe hört nie auf und setzt sich über mehrere Generationen hinweg. Teilweise wäre ich froh, wenn ich überhaupt mal einen Endgegner zu Gesicht bekommen würde – geschweige denn einen zweiten Durchgang zu starten.

Denn um Profi zu werden, muss man sich auf ein Spiel fokussieren. Punkt.

Dazu kommt sicher auch der Fakt, dass der Highscore als solches am Aussterben ist und allerhöchstens durch Online-Kram wie Xbox Live, PSN oder diverse andere Abkömmlinge kurzzeitig wiederbelebt wird – Leaderboards sei Dank entfachen sich hier noch immer wilde Schlachten um Punkte und Bestzeiten. Den Gamerscore als solchen (bzw. die Trophäen-Jäger) sollte man getrennt betrachten: Wer viel spielt, spielt nicht zwangsläufig wie ein Profi. Und ein Profi hat sicher nicht soviele Spiele, dass sein Gamerscore sich mit den Vielspielern und Sammlern messen könnte.

Gottlob die alten Zeiten, in denen man sich weltweit unter speckigen Nerds mit Hornbrillen und Hawaii-Hemden um den Highscore bei Donkey Kong, Asteroids oder Pac-Man prügelte. Über Steve Webie, einen Algebra-Lehrer aus Washington und Billy Mitchell (alias „greatest arcade-video-game player of all time“) wurde deswegen sogar ein eigener Film gedreht: The King of Kong – A Fistful of Quarters beschreibt den langen und schweren Gang an die Spitze der Highscore-Charts.

Aber selbst ohne diesen Film genießen die Highscore-Anführer von Asteroids und Co. unter Videospiel-Maniacs in etwa den gleichen Rang wie bekannte Sport-Heroen.

Der Aussage dieses Blogs, der ich verzweifelt versuche hinterher zu rennen: Können Profis in einer schnelllebigen Zeit wie heute (und ich meine schnelllebig wie turbo-ultra-mega-schnelllebig) überhaupt noch an so etwas wie Ruhm und Ehre unter Gamern denken? Und darf man sich als „Profi“ bezeichnen, wenn man in der hundertsten Iteration ein und desselben Stoffes (siehe diverse Sportspiele, aber auch Ego-Shooter) noch immer die gleichen einstudierten Bewegungsabläufe abfeiert?

Wofür plagen wir uns noch mit schnellsten Rundenzeiten („Die 0,026 Sekunden pack ich auch noch!“), mit astronomisch hohen Highscores („Sorry, aber ich liege bei über 45.000.000 Millionen Punkten bei Geometry Wars epileptisch zuckend im Staub vor meiner Couch!“) und professionellen Street Fighter Profis, welche uns im Sekundentakt gegen die nicht vorhandene Wand prügeln und mit wilden bis unmöglichen Kombos die Luft aus der virtuellen Lunge pressen?

Ruhm und Ehre erreichen nur die Zocker, welche die Online-Listen anführen – leider wird die Glorie durch „Du cheatest doch!“- oder „Du bist ein verrückter Nerd!“-Vorwürfe schnell verwässert. Ruhm und Neid stehen bei solchen extravaganten Leistungen immer nah beieinander.

Wohlgemerkt liegt der Unterschied an der Spitze meist nur in wenigen Punkten und Millisekunden – die Spitze des Eisberges ist extrem dünn und piekt ihren Bezwingern gerne ins Hinterteil. Außerdem schmilzt die Spitze schnell weg – spätestens bei Teil 54 des liebgewonnenen Highscore-Games werden die Karten neu gemischt (und sei es nur, weil die ehemaligen Profis mittlerweile Kinder haben und sich nur noch peripher mit dem guten Jugendstoff befassen).

Über Jahre hinweg nimmt der Großteil der Spieler nun bereitwillig Spiele an, die nicht mehr wirklich „schwer“ sind, bzw. keinen besonderen „Skill“ erfordern. Schlauchlevel in Rollenspielen (Final Fantasy 13), Zielhilfen in Ego-Shootern, von der K.I. zu Ende geführte Jump’n’run Level… auch diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die Hersteller reagieren auf die akute Zeitknappheit der Zocker… und öffnen neuen Zielgruppen die goldig glänzenden Tore.

Kein Wunder, dass bockschwere Genre-Vertreter wie beispielsweise das PS3-Action-RPG Demon’s Souls oder japanische Shooter-Orgien mit mehr als 100.000 Schüssen auf dem Bildschirm in der untersten Ebene des Gamer-Undergrounds gefeiert werden, als gäbe es kein Morgen – sie sind die letzte Bastion vor der Ver“casualisierung“. Hier sind sie: Die wenigen Videospieler, die noch was auf sich halten, wenn sie den Boss auf ultra-schwer niederstrecken ohne einen Fitzel Lebensenergie zu verlieren. Die Hardcore-Fraktion, welche sich tagelang unrasiert auf der Couch pfläzt und die Milben auf ihren Unterarmen mittlerweile beim Vornamen kennt. Aber sind sie wirkliche Profis?

Seit Jahren herausgebildet haben sich leere Worthülsen wie „Casual“ und „Hardcore„, welche sich jedoch mehr auf das Spieldesign und weniger auf die Spieler selbst konzentrieren. So kommen Menschen, die in Wii Fit über 100 Liegestütze stemmen oder in Wii Sports Resort mit nur zwei Schlägen das Golfloch punktgenau treffen eher selten in den Genuss des Titels „Profi“ oder „Hardcore-Gamer“ – diese Auszeichnungen bleiben den oben genannten Kollegen vorbehalten.

Der Graben zwischen den beiden Fraktionen wächst beständig – auch die E3 2010 hat dem Trend der Vereinfachung von Konzepten, Steuerung und Nutzerfreundlichkeit alles andere als einen Riegel vorgeschoben. Und so schrumpft das kleine Asterix-Dörfchen, welches noch den „Hardcore-Zockern“ gehört, immer weiter.

Meine persönliche Antwort auf die Frage nach dem „Warum tust du dir das an?“ ist erstaunlich simpel: Ich fahr voll darauf ab zu sehen, dass es jede Menge Leute gibt die besser sind als meiner einer – und selten einen wirklichen Idioten, den sogar ich mit einer (ausnahmsweise) funktionierenden Ultra-Combo auf die Bretter schicken kann.

Es ist also nicht das Streben zur Spitze, sondern eher der masochistisch geprägte Voyeurismus, der mich auf die Jagd zum Profitum (meist online) jagt: Wer ist noch da draußen? Und wer verdammt nochmal kann meinem Shoryuken, grünen Panzer, Raketenwerfer oder meiner großen, roten Kugel mal nichts entgegensetzen? Oder, um den irischen Schriftsteller Samuel Beckett zu zitieren: „Go on failing. Go on. Only next time, try to fail better!“

Eine weitere Art von Profis sind E-Sportler, welche dank ihrer seltsam bis befremdlich wirkenden Spielefokussierung selbst auf so manchen Hardcore-Gamer befremdlich wirken. E-Sport ist zwar als Begriff bekannt, die Präsenz in den Videospiel-Medien (selbst in Videospielzeitschriften) dank starker PC-Fokussierung jedoch verschwindend gering – von einigen Super Street Fighter 4 Turnieren und diversen Sportspielen mal abgesehen, interessiert das Thema „uns Konsoleros“ kaum.

Wir haben einen entsprechenden Ersatz dafür in Speedruns gefunden. Wenn es einen Weg gibt ein Spiel so zu respektieren, wie es wahrscheinlich nicht mal die Programmierer getan haben, dann sind dies Speedruns: Hier muss jedes Element des Spiels bekannt sein, damit die Rekordzeit gewährleistet bleibt. Und ja – davor SOLLTE man Respekt haben.

Bleibt noch die Wahl des Schwierigkeitsgrades: Auf „Easy“ starten Luschen wie meiner einer, welche schnell sämtliche Inhalte des Spiels sehen wollen. Oder die Leute, die von der Spielmechanik früher oder später dazu gezwungen werden (dieser Boss ist auf diesem Schwierigkeitsgrad unmöglich!).

Wer dagegen auf „Hard“ einsteigt, will sich gleich beweisen und der Spielmechanik mit dem Presslufthammer auf den Grund gehen. Erstaunlicherweise gibt es sogar Spiele, welche für letztere Zocker-Spezies wie geschaffen wurden: Bayonetta und die Ninja Gaiden Spiele sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich das Spielgefühl komplett verändern kann – wohlgemerkt zum positiven – wenn man sich an die harten Modi traut.

Was man als Spieler jetzt wirklich bevorzugt, steht natürlich jedem frei – der Versuch in die Pro-Liga einzusteigen funktioniert jedoch garantiert nicht über Nacht.

Jetzt seid Ihr dran! Wie und mit welchen Hintergrundgedanken steigt Ihr in aktuelle Spiele ein? Habt Ihr noch immer den Drang dazu sämtliche Leaderboards, Highscore- und Freundeslisten im Sturm zu erobern? Oder seid Ihr überhaupt froh, wenn Ihr mal ein Spiel bis zum Abspann durchzocken könnt? Auf welche Heldentaten in Videospielen seid Ihr ganz besonders stolz?

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