Mein Name ist …

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Eigentlich stammt die ganze Chose der „Benennung von Dingen“ ja aus der Bibel. Lange Zeit später begann der große Namensstreit, welcher vor allem die großen (und weniger großen) Philosophen über Jahre hinweg zu eifrigen Debatten verleitete – wer sich mit Sprechakttheorie, John Stuart Mill („Namen haben keine Bedeutung“) und Otto Jespersen (das moderne „Namen haben ein Maximum an Bedeutung“) befasst hat, der weiß wovon ich rede.

Ich setze hier mal den gewöhnlichen Gamer voraus, der zum Joypad greift und das selige „Zelda – A Link to the Past“ in sein vergilbtes Super Nintendo stampft, einen von drei möglichen Spielständen auswählt und sich kurz darauf mit der wichtigen Frage der Namensgebung konfrontiert sieht. Wie soll der Held heißen?

Da werden schnell Erinnerungen an meine von pubertären Schimpfwörtern geprägten Jugendjahre wach. Klar, ich nenne den Helden „Arschkartoffel“ oder „Fotzenschrubber“. Wie wär’s mit „Afterhöhlenforscher“? Verdammt, passt nicht! „Genitalkasper“? Auch nicht! Unglaublich, der interne Spielspeicher reicht nicht nur für popelige drei Spielstände, nein, ich muss mich auch noch mit maximal sechs möglichen Buchstabenstellen für meinen heroischen Fluch-Namen zurechtfinden!

„Hengst“ soll es schließlich sein! Endlich geht das Abenteuer los!

"Through the night" - Eine Zelda-Hommage von Orioto

"Through the night" - Eine Zelda-Hommage von Orioto

Umblende: Es regnet und donnert, Hyrule liegt unter dichten Wolken. „Hengst, I’m going out for a while. I’ll be back by morning. Don’t leave the house.“ Klare Anweisungen von dem Mann mit dem blauen Haar und dem lustigen Schnäuzer (…soviel zum „Fotzenschrubber“). Ja, wir werden persönlich angesprochen – und wenn ich ehrlich bin, ist dies meine persönlich erste Erinnerung, wenn es um Namen in Videospielen geht. Da, wo das erste mal die interne Glocke läutet, sozusagen. Das Spiel, welches meinen erdachten Namen einem der größten Videospielhelden zuordnete – und mich so noch mehr in seine Welt versinken ließ.

Später setzte sich anstelle „Hengst“ das simple Kürzel „Dan“ durch – nicht zuletzt aufgrund der verhassten 3-Ziffern-Limitierung älterer Arcade-Games. Erster Platz: Kim. Zweiter Platz: Jon. Dritter Platz: Dan. Toll, dass sich die üblen Dreierkürzel in heutigen Leaderboards nicht mehr wiederfinden – vor zwanzig Jahren wäre sowas „in einem Land wo prähistorische Flipper-Maschinerie über die Arcades herrschte“ noch als Science Fiction durchgegangen. Seitdem rettete Dan die Welt, die Prinzessin und den Kristall.

Leider gebar die neue Namensfreiheit der heutigen Zeit nicht nur positives: Von durch Leetspeak durchsponnenen Namen („Ra1d3r_N°1“) bis hin zu den pubertären Namen unserer Jugend („DeineMUddA“) – jetzt, wo man sich entfalten kann, lässt man gleichzeitig alle Hüllen der guten Etikette fallen. Überraschend jedoch ist die Namenswahl über diverse Spiele-Genres hinweg durchaus unterschiedlich:

So neigt der gewöhnliche Modern Warfare Söldner eher zu durch Clantags noch weiter ins Unleserliche gezogene und so auf den Bildschirm eruktierte Zeichen- und Zahlenschwellungen im Stil eines „[BaZziNaToRs] effexx M4st4 of D3V1L F1R3 OF DEZZZ“.

Rollenspieler hingegen greifen gerne zu ihrem eigenen Namen als neues Aushängeschild für den Schwert schwingenden, Manatränke saufenden und mit schamlosen Feen umherziehenden Helden. Hier ist natürlich die Gnade der frühen Benennung seitens der Eltern praktisch – neuere Namen wie „Sylvana Sarafina Calenta“ oder „Jeremy Pascal“ und „Kevin Dustin Justin“ lassen sich meist nur schwer atmosphärisch in Rollenspielen einbetten.

Kleine Anekdote aus meinem Freundeskreis: Eine gewisse „J*nny“ (Name wurde unkenntlich gemacht) wählte in Final Fantasy 7 den äußerst schmerzhaften Weg und nannte Blumen-Tussi Aeris kurzerhand in „J*nny“ um. Schade nur, dass das charmant naive Gör im späteren Verlauf (SPOILER GEFAHR!) ums Leben kam… und J*nny in einen kummervollen Weinkrampf stürzte. Und damit ich nicht wieder als Chauvinisten-Schwein dastehe: Ja, ich habe auch geweint. Innerlich. Bitterlich. (ok, eine Lüge, ich war von Anfang an für Tifa! ha!)

Schlimm trifft es die Unkreativen: „Aragorn ist bereits vergeben. Bitte wählen Sie einen anderen Namen!“ Und ja, es gibt einige Leute da draußen die länger für einen Nickname brauchen, als meiner einer für einen Blog wie diesen.

Kurz gesagt: Namen vertreten uns auch virtuell. Und wir hängen an ihnen, da sie uns vielmehr als nur repräsentieren – sie sind teil unserer Online-Identität. Und bevor dass jetzt vollkommen zur philophischen Debatte mutiert: Was machen eigentlich unsere Spiele-Helden in heutigen Zeiten?

Ja, auch hier gibt es einen Trend zu beobachten: Nachnamen! Während für „einfache“ Heroen aus alter Zeit (die zugegeben auch heute noch prächtig funktionieren) ein „Link“, „Mario“ oder „Pac Man“ ausreichten, benötigen die Geschichts- und Atmosphäre-starken, virtuellen Abenteuer von heute etwas mehr. Lara Croft konnte sich dabei noch jeder gut merken… bei Sheva Alomar hört’s dann zumindest bei mir auf mit dem „merken“. Chris Redfield und John Marston sind hingegen reine „Power“-Namen – hier hört man schon beim Aussprechen das Nachladegeräusch einer doppelläufigen Schrotflinte. Weiteres, schönes Beispiel für sprechende Namen: Ulala aus dem Dreamcast Klassiker Space Channel 5!

Sexy, aber schwer zu merken: Sheva Alomar aus Resident Evil 5.

Erdachte Namen für Helden auf der einen Seite, der persönlich gewählte  Nickname auf der anderen Seite. Aber was ist eigentlich mit dem WIRKLICHEN Namen? Also in meinem Fall „Daniel Hecht“? Wie steht der gewöhnliche Internet-Nutzer und Spieler heutzutage zu diesem Namen?

Aktuell wurde diese Debatte erst kürzlich… und kochte gewaltig hoch. Activision-Blizzard hatte die wahnwitzige Idee, dass in den offiziellen Foren zu Starcraft 2 und MMO-Dauerbrenner World of Warcraft anstelle der Nicknames Klarnamen erscheinen sollten – als Teil der neuen Real ID Offensive und der Vorstellung untergeordnet, dass sich die Community auf diese Weise von Trollen und Stänkerern verabschieden könne.

Das Ergebnis der Ankündigung war vernichtend: Tausende Kommentatoren beschwerten sich, stänkerten, trollten und drohten Blizzard mit Kündigung, Selbstmord, Amoklauf, Kindstötung…. und Anwalt (in etwa in dieser Reihenfolge). Besonders beeindruckend war die Versiertheit der Nutzer: Nachdem sich ein Community-Manager öffentlich in den Foren zu seinem realen Namen bekannt hatte, dauerte es kaum eine Stunde bis sein Wohnort, seine Telefonnummer und die Schule seiner Kinder bekannt waren.

Dabei ist die naive Grundidee so gut: Daniel Hecht ist in Blur auf den ersten Platz gerast, er hat in Super Street Fighter 4 mal wieder derbe auf den Sack bekommen… und so weiter. Nicknames kaschieren doch nur, wer man wirklich ist. Und ist es wirklich so schlimm zu zeigen, wer man wirklich ist? Ich meine, eigentlich sind wir doch nur so entsetzt aufgrund der ganzen „OMG jemand könnte mich kennen“ Debatte, weil wir tief in unserem Inneren einen kleinen Hanswurst sitzen haben, der leise kichert „Verdammt, da draußen interessiert sich keine Sau für dich!“.

Und nein, Werbezombiestalker, welche unsere emails und realen Postfächer mit Pseudo-Werbung zuballern gehören NICHT in diese Rubrik von Menschen die an Euch interessiert sind. Ebenso wenig die Trolle, die Euch drohen: „Ich find heraus wo du wohnst! Ich hau dich! Ich kill dich! Ich backe einen Kuchen mit deiner Mutter!“

Nein, am Ende hockt Ihr einfach nur vor Eurem PC in Eurer Wohnung und wundert Euch, dass seit mehreren Jahren niemand mehr die Türklingel bestätigt hat, WEIL es heutzutage mehr „in“ ist Euch bei Facebook Schweine, Hühner und Mafia-Gelder zu schicken. Weil Ihr per Webcam mit Eurer Familie chattet. Weil Ihr per Nickname in einer Masse untertaucht, die anonymer und unheimlicher nicht sein könnte – wenn Neo die Matrix in der heutigen Zeit sehen könnte, er würde sich in seinen verdammten Popcorn-Becher erbrechen.

So verrückt es klingen mag: Ich bin mir sicher, dass es in einer utopischen Internet-Welt ohne Fake-Namen durchaus weniger Trolle geben würde. Wir fühlen uns nicht mehr verantwortlich für unsere Kommentare, nehmen viel mehr auf die leichte Schulter, als gut für uns ist – die Verschleierung durch Namen trägt wesentlich dazu bei uns im virtuellen Raum zusätzlich abzukapseln.

Natürlich gehören gewaltig dicke Cojones dazu, sich im Internet als derjenige darzustellen, der man wirklich ist. Anonymität hat viele Vorteile – jedoch vor allem für diejenigen, welche ihre kleinen, dreckigen Geschäfte damit machen. Ein Internet ohne Nicknames? Undenkbar… und dank der erst kürzlich zum Rückzieher von Blizzard mutierten Debatte auch eindeutig nicht gewünscht vom Großteil der Nutzer.

Lustigerweise funktioniert es in China bald genauso, wie Blizzard es im „Westen“ geplant hatte: Aufgrund einer Limitierung der Spielzeit werden Spieler von Online-Games dazu genötigt Ihren realen Namen zu nutzen. Diese Regelung ist keine Spinnerei – sondern seit dem ersten August 2010 Realität.

Und wer mich jetzt aus Rachegedanken stalken will, der ist herzlich dazu eingeladen: Auf Xbox Live findet Ihr mich unter „Insulino“ (Diabetiker FTW!), im PSN unter „Ratpack„, meinen Blog kennt ihr ja (www.daniel-daddelt.de) und unter Facebook stalked ihr mich unter meinem richtigen Namen – viel Spaß!

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