Nerds – die Spitze der Zocker-Elite?

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Ich bin stolz ein Nerd zu sein. Doch was ist überhaupt ein Nerd? Und warum zum Geier sind plötzlich alle auf meiner Seite?

Nach einem kurzen Ausflug zum modernen Orakel von Delphi (alias Wikipedia), konnte ich folgendes feststellen:

Zitat:Nerd [nɜːd] (engl. für Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Fachidiot) ist ein gesellschaftlicher Stereotyp, der für besonders in Computer oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen steht. Manchmal wird auch ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient …als begleitende Eigenschaft genannt. Am häufigsten sind Computerfreaks gemeint. Während der Begriff allgemein negativ konnotiert ist, hat er sich in Internetcommunitys und unter Computerspielern und -freaks (schon wieder das Freak-Wort!) zu einer selbstironischen Eigenbezeichnung gewandelt.

Langweiler? Streber? Nicht die Nerds, die ich kenne! Selbstironisch? Nun, schon eher!

Bei der Wortherkunft ist man noch am streiten, ob es sich um ein Gedicht von Dr. Seuss aus dem Jahre 1950, oder das rückwärts gelesene Wort „Drunk“ („Knurd“) handelt – aber die etymologischen Wortwurzeln sollen hier nicht Thema sein. Mich interessiert vor allem: Was verstehen wir heute als Nerd? Wer darf sich mit dem Titel „Nerd“ schmücken… und wem steht der Titel eher schlecht?

Das Selbstverständnis von Nerds in der heutigen Zeit ist gewachsen – vorbei die Zeiten der ehemaligen Schuljungen, welche sich im richtigen Leben vor allem mit Clearasil, diversen Kondom-Aufzieh-Techniken, sowie von Mami geschmierten und von Sportlern und Frauenschwärmen („Ja ich kann dich hauen – wenn ich will!“) verzehrten Butterbroten herumschlagen mussten. Und ja – die Sportler nahmen nicht nur unsere Butterbrote.

Momentan starre ich auf meine Fallout 3 Brotdose und denke mir: Diese Zeiten sind vorbei. Aus einem kleinen Nerd ist ein großer Nerd geworden und Butterbrote schmiert mir heute meine Frau.

Das in den Medien beschworene Bild des kleinen, pickeligen Nerds mit Hornbrille und schriller 80er Jahre Frisur ist spätestens seit dem Jahr 2000 Geschichte… heute kleiden sich die Nerds von damals mit weitaus beschissener aussehenden Hemden („Wer sagt eigentlich, dass man mit Karo-Muster NICHT fett aussieht?“) und wissen in trauter, abendlicher Kneipenrunde durch Fachgespräche über Starcraft 2-Taktiken, neue Grafik-Engines, Programmiersprachen und den letzten Multiplayer-Abend mit „Freunden bei sich zu Hause im Internet“ selbst die treuesten, realen Freunde vor Graus kreischend vom nächtlichen Bierchen abzuschrecken.

Erstaunlich ist die Wandlung des Begriffes – Nerds sind heute eben nicht nur mehr die fetten Kiddies von damals, nein, auch die fiesen Sportler-Mobster dürfen sich heutzutage „Nerd“ nennen, wenn sie auch nur wissen wie man mit einer iPhone-App die werten Kollegen per Handy-Ortung verfolgt, oder den englischen Xbox Live Marktplatz per VPN-Tunnel erreicht.

Fragt man hingegen: „Weißt du eigentlich wie Super Mario zu seinem Namen gekommen ist? Auf welchem Wege Sony die erste Playstation ursprünglich veröffentlichen wollte? Nenn mir zwei Spiele von Nippon Ichi! Und was ist eigentlich Shenmue?“ – erntet man meist verständnislose Blicke. Und den Spruch: „Alter, du bist voll der Nerd!“

Passen Technik-Passion und Nerds also doch nicht zusammen?

Einer der bekanntesten Nerds im Internet ist der Angry Video Game Nerd – alias James Rolfe. Eigentlich wollte James in seinem Leben nur Filme machen – doch die AVGN-Serie über Retro-Spiele wurde spätestens 2006 zum Selbstläufer auf YouTube. Mittlerweile ist er fester Bestandteil der Webside www.gametrailers.com… und plant einen eigenen Film.

Eines seiner besten Videos ist noch recht frisch – und hat nur periphär etwas mit Videospielen zu tun. Es geht um Angst und Kreativität – zwei Eigenschaften die sich mehr beeinflussen als viele denken. Unbedingt reinschauen!

Konsolenspieler sind heute nicht mehr (nur) 14 bis 18 Jahre alt – sie sind noch immer geistig „Kind“ gebliebene Spieler, schlagen sich jedoch mit den Tücken des Erwachsenenlebens herum. Frauen. Kinder. Arbeit. Steuern. Lebensunterhaltungskosten. Letzteres Wort wäre mir vor 10 Jahren nicht mal im Traum erschienen. Und selbst wenn – ich hätte wahrscheinlich in der Gestalt von Link mit meinem Master Schwert dagegen gekämpft, oder es mit der Machete von Bayou Billy geköpft.

Vielleicht ist dies auch der Grund, warum ich schon als kleiner Daddler starke Sympathien zu Filmen wie Hook und Big aufbaute. Eine ganz besondere Verfilmung hat aber auch meine Kindheit (und mich!) maßgeblich beeinflusst – die Erinnerung daran ist so weit weg, dass sie nur als kurzes Kitzeln in meinen Gehirnwindungen auftaucht. Es geht um den Film The Dark Crystal von Jim Henson – verdammt, er wiederholt sich praktisch in jedem Videospiel, welches ich heute liebe. Kristallsplitter? Prinzessinen retten? Oh ja!

Wohlgemerkt: The Dark Crystal ist von 1982!  Das heißt für mich: Ich war vielleicht drei oder vier Jahre alt, als ich ihn das erste Mal gesehen habe.

Den kompletten Film gibt es übrigens (noch!) in mehreren Teilen auf YouTube – sogar in Deutsch! Folgt einfach diesem Link!

Natürlich ist es immer schwer eine bestimmte Gruppe von Personen über einen Kamm zu scheren. Aber meine Erfahrungen mit Spielern bestätigen immer wieder: Sie sind jung gebliebene Träumer. Sie sind kreativ – trauen sich aber meist nur schwer aus ihrer Schale heraus. Sie sind die Gelflinge, die Hobbits, die Jedi-Ritter… die Nerds, von denen ich hier rede – und weit entfernt von den neuen Nerds, die sich mit ihren 5000 Euro Verdienst im Monat neben iPhone, Mac und Bondage-Zubehör eben auch eine Konsole leisten können. Die erste Konsole in ihrem Leben, wohlgemerkt.

Die Nerds zu denen ich mich zähle, packen im Bus ihre PSP aus und graben sich durch einen Haufen häßlicher Original-UMDs – immerhin verachten wahre Nerds Raubkopien. Und abends auf der Couch wird die Xbox 360 und Playstation 3 angeworfen – nur um im Marktplatz nach neuen Arcade- oder Indie-Spielen zu suchen. Aktuelle Spiele werden allerhöchstens gespielt um noch mitreden zu können – schließlich wollen wir nicht den Eindruck erwecken vollkommen aus einer anderen Welt zu stammen. Danach geht’s mit dem Nintendo DS und einem der unzähligen Knobelspiele ab ins Bettchen – Picross 3D ist momentan übrigens der Einschlaf-Favorit meiner Frau.

Die Kluft zwischen Oldschool-Nerds und New-Age-Nerds liegt auch am immer schmaleren Graben zwischen PC-Spielern und Konsoleros. Zu Zeiten von 8-Bit, 16-Bit und 32-Bit war die PC-Gemeinschaft ein elitärer Kreis – ebenso wie der Kreis der Konsoleros. Oder kurz: PC’ler verabscheuten Konsolen, während Konsoleros sich in der noch vollkommen unbekannten Exotik von Japan-Importen, wunderbaren Jump’n’Runs und atemberaubender 2D-Action suhlten.

Mit dem Einzug von 3D und dem Internet als Massenmedium wurde der Graben schmaler – mit der Einführung und Ausreizung aktueller Konsolen ist der Graben auf wenige Meter zusammengeschrumpft. Heute werden selbst 3D-Shooter für Konsole konzipiert – während manch einem alten PC’ler graue Haare beim Anblick der lahmen Fadenkreuze wachsen.

Das Ergebnis des schmalen Grabens: Immer mehr PC’ler greifen zur Konsole. Und selbst die Leute, welche nie was mit Videospielen anfangen konnten, haben plötzlich eine Wii in ihrem Wohnzimmer stehen. Die Zocker von heute, welche die Zocker von damals als „Nerd“ abstempeln, während sie mit imaginierten Tennisschlägern in der Luft rumfuchteln – eine paradoxe, aber durchaus reale Erscheinung.

Während der Einfluss von Videospielen auf Menschen noch immer eifrig wissenschaftlich zerdebettiert wird, bin ich der festen Meinung: Videospiele haben mich zu einem besseren Menschen gemacht. Einem Menschen mit viel Fantasie.

So oder so: Die Spitze der Zocker-Elite sind wir – auch wenn wir nie mit sowas prahlen würden, schließlich sind die meisten von uns schrecklich schüchtern. Die Träumer. Die sentimentalen Weicheier. Die „mit einem Träne im Auge vor den Credits sitzenden“ Couch-Potatoes. Dieser Beitrag ist für Euch – immerhin feiert Ihr Euch viel zu selten! …und apropos: so hardcore wie alle sagen, seid Ihr gar nicht 😉

Zum Abschluss noch ein ernstes Wort an alle Publisher und grauen Männer der Spiele-Branche: WIR sind eure wichtigste Klientel. Wir schnüffeln noch immer an Anleitungen, die immer dünner und liebloser werden. Wir kaufen vollkommen überteuerte Special Editions. Wir nutzen Emulatoren auf unserer Xbox, nur weil wir keine Lust haben das uralte NES oder Master System mit TV-Adapter aus dem Keller zu holen und an unseren 3D-Fernseher anzuschließen!

Oder, wie Bill Gates sagen würde: „Be nice to nerds. Chances are you’ll end up working for one.“

Vergesst das nicht. …und tut mir einen Gefallen und lasst das mit diesem Move/Kinect/epileptisches Rumgezappel-Zeug. Das ist nicht cool. Wirklich nicht.

Euer Daddler

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