Retro-Moment der Woche (Numero 16): Biker Mice from Mars VS Rock & Roll Racing

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Biker Mice from Mars? Rock & Roll Racing? Das Treffen von zwei Giganten, wenn es um Iso-Rennspiele der 16-Bit Zeit geht! Ersteres ist dabei in etwa so bekannt, wie die chemische Zusammensetzung von Quecksilber (obwohl zumindest die TV-Serie einigen bekannt sein dürfte), letzteres gilt unter Retro-Fans als eines der besten 16-Bit Spiele der frühen 90er. Was passiert also, wenn man humanoide Mäuse in Lederkluft, mit Sonnenbrillen und auf heißen Motorrädern auf „Born to be wild“-trällernde Alien-Raser loslässt? Richtig: Das wohl epischste Retro-Gefecht aller Zeiten!

It’s the final Countdown!

Da ich momentan wieder auf dem Heavy-Metal und 80’s Rock-Trip bin, kommen diese beiden Spiele natürlich gerade richtig. Schon die TV-Serie zu Biker Mice from Mars wartete mit einem kultigen Rock-Song im Intro auf, Rock & Roll Racing bot (soweit ich weiß) das erste Mal in der Videospielgeschichte klassische Rocksongs, welche über die Soundchips der Konsolen riffisiert wurden. So kam auch dieser Retro-Moment zu Stande: Als kürzlich Bad to the Bone über’s Webradio durch meine windigen Ohrgänge purzelte, jagte eine ganz spezielle Erinnerung durch meine von 20 Semestern Studium verkalkten Zerebral-Synapsen…

Irgendwann 1994. Meiner einer ist mit 13 Jahren gerade in der rebellischen Phase. Anstatt Radio zu hören, rotiert eine Metal-CD nach der nächsten im damals noch gigantischen CD-Player. Iron Maiden. Manowar. Die Helden meiner Kindheit tragen Lederjacken und stehen auf große Titten. Welcher aduleszierende Rebell kann da schon „nein“ sagen – besonders wenn die aktuellen Charts von Mariah Carey, Take That und Seal vergewaltigt werden und die Band Nirvana Anfang des Jahres aufgrund des Suizids von Kurt Cobain in selbiges tritt.

In eben dieser Zeit wird das Super Nintendo von mir und meinem Bruder tagein, tagaus belagert – und Rock & Roll Racing offenbart sich als probates Mittel dem jüngeren Familienspross das Joypad öfters gegen den Kopf zu schmeißen. Oder ihn mit dem Joypad-Kabel zu würgen. Eine Tätigkeit, welche die heutige, kabellose Jugend wohl niemals wieder wird anwenden dürfen.

Habe ich erwähnt, dass ich in Videospielen immer schlechter bin, als meine Mitspieler?

Zurück in die Zukunft! Kommen wir zuerst zum eher unbekannten Biker Mice from Mars – übrigens eines der ersten Spiele, welche mit virtuellen Werbeflächen aufwarteten. Ja, die Biker Mäuse wurden gesponsert von Snickers – sicher nicht die schlimmste Werbe-Marke, welche ich bis zum heutigen Tag in diversen Spielen ausmachen durfte.

Snickers-Werbung klebte überall – bereits vor dem Start prangte ein „Sponsored by Snickers“ im Bild, nach einem Rennen biss der Sieger genußvoll in einen der nussigen Schokoriegel und lamentierte: „Even Winners need something to satisfy their hunger!„. Im Charakterauswahl-Bildschirm prangte eine riesige Snickers-Werbung auf dem Boden, im Tuning-Shop konntet Ihr Eure Lebensenergie durch Snickers-Einkäufe erweitern… kurz: Die Biker Mäuse machten Hunger auf Schokoriegel!

Genau genommen war Biker Mice from Mars nichts anderes, als eine Kopie des nur ein Jahr jüngeren Rock & Roll Racing. Produziert wurde das von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Juwel von Konami, im Hintergrund tummelten sich Designer Takeshi Fujimoto (Parodius, The Legend of the Mystical Ninja, später bei Square beschäftigt) und Sound Designer Hideto Inoue (Rocket Knight Adventures). Desweiteren arbeiteten viele Leute des Teams zuvor an diversen Teenage Mutant Ninja Turtles Versoftungen – kein Wunder, dass die Rennen in der Kanalisation vom Stil her frappierend an die Untergrundpassagen unserer Schildkröten-Freunde erinnern.

Vor dem Rennen durftet Ihr zwischen den drei Helden und drei Bösewichten der Serie wählen, namentlich: Die anuscoole Rockermaus Throttle, seine beiden Kumpel Modo und Vinnie, sowie auf der Fiesling-Seite der fette Limburger in seiner fliegenden Bowle, der ölverschmierte Hühne Grease Pit und der fiese Doktor Karbunkle in seinem auf sechs Beinen krabbelnden Gefährt.

Das jede Figur ihre Vor- und Nachteile hatte, ist selbstverständlich. Besonders gemein: Karbunkle schrumpfte seine Feinde per Mutationsstrahl, während der fette Limburger dank seiner schwebenden Bowle keine Nachteile im schwierigen Gelände befürchten musste. Der bionische Crash von Modo dagegen zerstörte Mitfahrer meist mit nur einem Schlag, die Tornado Attacke von Vinnie ließ ihn auf geradlinigen Strecken an den Gegnern vorbeischießen.

Fünf Runden wurden pro Strecke gefahren, nach dem Überqueren der Ziellinie gab es ein zufälliges Extra zur einmaligen Anwendung – darunter natürlich auch Snickers Riegel, welche Euch unbesiegbar machten und den inneren Turbo zündeten. Dazu gab’s pro Runde drei Schüsse Eurer Spezial-Waffe. Im Tuning Shop konntet Ihr die durch Siege verdienten Moneten in stärkere Maschinen, bessere Reifen, bessere Bewaffnung… und noch mehr Snickers stecken. Übrigens: Die Snickers-Werbung gab es nur in der europäischen Fassung, die US-Version blieb frei von nervigen Werbe-Einblendungen.

Grafisch war das Spiel im Gegensatz zu Rock & Roll Racing eine ganze Spur detaillierter und versprühte angenehmen Comic-Charme. Tolles Kurs-Design (unter anderem durch Großstädte, über Strände und durch Fallen-verseuchte Kanalisationspassagen), charmante Animationen und flotte Spielbarkeit – es bleibt bis heute ein Rätsel, warum Biker Mice from Mars hierzulande kaum Beachtung fand.

Ganz im Gegensatz zum großen Original Rock & Roll Racing!

Produziert wurde das Spiel von Silicon & Synapse, heutzutage weitaus besser bekannt als Blizzard Entertainment (…oder die Leute, welche Spieler gerne virtuell mit Titeln wie Diablo, Starcraft und Warcraft versklaven). Ich kenne das Spiel vom Super Nintendo, eine Mega Drive Version gab es jedoch ebenfalls – die Veröffentlichung in Europa erfolgte 1993 über Interplay.

„The Stage is set, the green light drops!“ plärrte Ansager Larry „Supermouth“ Huffman (Homepage) zum Start jedes Rennen – der kultige Moderator war im Genre der Rennspiele noch so etwas wie ein Novum. Danach ging es über diverse Rundkurse, vier Fahrzeuge waren gleichzeitig auf der Strecke und beharkten sich mit Raketen und Ölpfützen.

Wichtigstes Merkmal von Rock & Roll Racing war selbstverständlich der starke Soundtrack: „Paranoid“ von Black Sabbath, das „Peter Gunn Theme“ von Henry Mancini, „Highway Star“ von Deep Purple, „Radar Love“ von Golden Earring (gab’s übrigens nur in der Mega Drive Version), „Born to Be Wild“ von Steppenwolf und „Bad to the Bone“ von George Thorogood heizten Rasern gehörig ein – für mich auch das erste Mal, dass der Soundtrack ein Spiel bestimmte und neu definierte (dies sollte erst einige Jahre später der WipEout-Serie wieder gelingen).

Nach den Rennen konnten die Karren im Shop beliebig aufgemotzt werden – mehr Feuerkraft und schnellere Motoren waren auf späteren Strecken zwingend notwendig, um das Siegertreppchen von oben betrachten zu können.

Extrem kultig war die Auswahl an Charakteren: Snake Sanders, alias  „Alter, lange, blonde Haare sind voll Metal!“. Cyberhawk, der Typ mit dem absolut uncoolen, blauen Adler-Helm. Ivanzypher, eine Mischung aus Wookie und Beutelratte. Katarina Lyons, der wohl häßlichste, weibliche Spiel-Charakter aller Zeiten (inklusive Elfenohren und Katzengesicht). Jake Badlands, alias der blauhaarige Punk und Tarquinn: Elfenohren, rosa Kopfband – so sah die geballte Männlichkeit auf dem Planeten Aurdra aus.

Mit einem Trick (L+R+Select im Charakterauswahl-Bildschirm auf Snake halten, dann „links“, „rechts“) ließ sich Olaf als weiterer Fahrer freischalten. Olaf? Ja, genau! Der bärtige Wikinger aus dem Blizzard Klassiker Lost Vikings! Das Spiel selbst hat zwar keinen Nachfolger spendiert bekommen, aber die Wikinger tummeln sich dennoch bis heute als Eastereggs in zahlreichen Blizzard Spielen – unter anderem findet Ihr aktuelle Reminiszenzen in der World of Warcraft und Starcraft 2 (drüben im PC-Lager!).

Bei den Fahrzeugen wählte man anfangs zwischen Dirt Devil, Commando und Marauder. Wer genug Siegpunkte angehäuft hatte, wechselte zwischen den Planeten hin und her und wagte sich an fiesere Gegner.

Ok, genug gebrabbelt – ab in die Arena mit den Herausforderern!

Grafik: Sowohl die detaillierten Kurse, als auch die tollen Animationen sichern den Biker Mäusen hier den ersten Platz.

Sound: Born to be wild? Paranoid? Highway Star? Bad to the Bone? Absolut episch! Ladies und Gentleman, hier haben wir einen klaren Sieger! Rock & Roll Racing!

Spielbarkeit: Iso-Rennspiele gelten nicht umsonst als hart zu meisternde Vertreter der Motorenzunft. Wann muss ich jetzt nach links drücken, um nach links zu fahren? Die Perspektive von schräg oben lässt Euch manchmal an Eurer Hand-Augen-Koordination zweifeln. Davon abgesehen lassen sich beide Titel entsprechend gut steuern, die Entscheidung jede Extra-Waffe auf einen bestimmten Knopf zu legen (Rock & Roll Racing) sorgt jedoch teils für Verwirrung. Ganz knapper Gewinn für die Biker Mäuse!

Coolness-Faktor: Snickers ist der coolste Schokoriegel bis heute – Punkt! Dazu noch Biker Mäuse vom Mars? Bleibt eigentlich nur die Frage: Wieso hat sich „Mars“ eigentlich nicht die Lizenz für’s Spiel gesichert? Punkt für die Biker Mäuse!

Charakter-Design: Die Gestaltung der Rock & Roll Racing Heroen ist Trash pur und gilt als absolut legendär – das Design ist so schlecht, dass es für den ersten Platz locker reicht! Sorry Mäuse, hier müsst Ihr Euch dem fiesen Retro-Style geschlagen geben!

Kurs-Design: Strände, Hochhausschluchten, Sci-Fi Stationen, Heuballen-Arenen – da kommt Rock & Roll Racing mit seinen wenig charmant in Szene gesetzten Strecken absolut nicht mit! Hoch die Fäuste, Ihr Mäuse!

Nachfolger: Die Biker Mäuse ließen sich später noch einmal auf der Playstation 2 blicken – das krude Action-Spiel hat jedoch absolut nichts mit dem tollen Iso-Rennspiel zu tun. Auch die Wiederbelebung der Rock & Roll Racing Marke auf der Playstation One in Form von Rock & Roll Racing 2: Red Asphalt gilt als alles andere, als geglückt – der Soundtrack war belanglos, die WipEout-ähnlichen Strecken bestenfalls zweitklassig und die Verbreitung erfolgte vor allem durch russische Raubkopien.

Fazit: Vier zu Zwei für die Mäuse – gar nicht schlecht! Vor allem, wenn man daran denkt, dass Rock & Roll Racing die um Welten größere Fan-Basis besitzt. Aber ganz im Ernst: Ich mag beide Spiele – kann mich dank zahlreicher Zweispieler-Runden aber vor allem an die Mäuse erinnern.

Bleibt nur noch zu sagen: Liebe Entwickler, wir wäre es mal wieder mit einem Iso-Rennspiel mit zeitgemäßer Grafik? Tolle Idee? Find ich auch! Her damit!

Rocken und zocken? Mein Retro-Moment der Woche!