Retro-Moment der Woche (Numero 21): Super Mario 64

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In Momenten, in denen es mir wirklich, wirklich schlecht geht, denke ich IMMER an das erste Level in Super Mario 64. Ich weiß nicht, ob mich dies zu einem schlechten Menschen macht – immerhin könnte ich auch an meine Hochzeit denken. Oder an die wunderbare Zeit mit meiner Frau in Tokyo. Oder an viele andere (weitaus realere) Gegebenheiten.

Aber nein – wenn mich die Schmerzen in Form von fiesen Grippe-Viren, der plötzlichen Erkenntnis dass ich allergisches Asthma habe (und der Weg zum nächsten Krankenhaus ziemlich weit sein kann, wenn man keine Luft mehr bekommt) oder ich mich während meiner Jugend den schwülstigen Schmerzen von Teeny-Depressionen hingegeben habe (Teenage Wasteland!), immer dann spielt sich diese kurze Sequenz vor meinem inneren Auge ab.

Blauer Himmel, grüne Wiesen. Mario prescht vorwärts, vollführt einen Dreifachsprung inklusive Salto… und rennt an dem wohl eindrucksvollsten Kettenhund der Mario-Historie vorbei. Es ist nur diese eine Sequenz, dieser kurze Beginn von Kurs Numero Uno. Der darauffolgende Spurt den Berg hinauf – nicht wichtig. Das Schloss mit seinen vielen Bildern – nicht wichtig. Die epischen Kämpfe gegen Bowser – nicht wichtig.

Da ich Mario’s Rücken in meiner nachgespielten Traumwelt sehen kann, bin ich natürlich nicht Mario. Wer ist schon Mario? Nein, ich bin nicht Mario – ich sehe ihm nur zu. Drückt mal jemand auf die Rückspultaste? Danke!

Irgendwann im Sommer 1996. Es ist heiß… und ich bin gerade mal 15 Jahre alt geworden. Neben Playboy-Ausgaben und gebrannten Porno-CDs bestimmen Videospiele mein kleines Nerd-Leben. Mein Bruder und ich sind mit unserer Mutter zu Besuch bei meiner Oma. Zu diesen Zeiten gliederte sich meine Verwandtschaft noch in „die böse Oma“ und „die liebe Oma„. Letztere gab mehr Taschengeld. Kann mich noch gut daran erinnern, dass sie Stephan (einem guten Freund – bis heute) mal einen 10 Euro Schein in die Hand drückte. Oder waren es damals noch DM? Weiß der Geier.

Ich schweife schon wieder ab. Jedenfalls wohnte meine Oma in Monheim, einem kleinen Kaff zwischen Düsseldorf und Leverkusen, nahe am Rhein gelegen. Und da ich meine Oma mochte, mochte ich auch Monheim. Meine Oma kaufte mir viele Videospiele. Heute wohne ich selbst hier, in der alten Wohnung meiner Oma. Es ist ein ganz kleines bißchen so, als hätte ich das damals schon gewußt – das heimelige Gefühl dieser vier Wände hat sich nie verändert. Meine Oma ist mittlerweile weit über 90 und lebt bei meinen Eltern.

Damals thronte in Mitten des hiesigen Einkaufszentrum ein kleiner, üsseliger PC-Shop, der auch einige Videospiele im Programm hatte. Überteuert. Abgelegen. Aber hinter der Schaufensterscheibe war ein großer Fernseher aufgebaut, inklusive Nintendo 64 und Super Mario 64. Die kleinen Hocker davor waren für Kinder gedacht. Super Mario 64 sollte hierzulande erst am 1. März 1997 erscheinen. Aber dort lief es bereits. Kein Traum. Kein Wunschdenken. Schlicht ein japanischer N64 mit einer japanischen Version von Super Mario 64. Zeit ins Bild zu springen!

Der Verkäufer schien das Teil mit guten Gewissen gekauft zu haben – schließlich bot er den unwiderstehlichen Deal „Zwei Euro pro viertel Stunde“ an. Nagelt mich nicht darauf fest. Können auch 5 DM gewesen sein. Es war nicht billig. Es ist lange her. Und mein Erinnerungsvermögen ist nicht das beste. Woran an mich jedoch stark erinnere ist die erste Begegnung mit einem N64-Controller.

Über Jahre hinweg waren wir an einfache Pads wie das vom Super Nintendo oder der Playstation gewöhnt worden – Nintendo machte den ersten Schritt in Richtung Analog-Controller. Dennoch fühlte sich das Pad zunächst seltsam an. Die gelben C-Knöpfe schienen auf den ersten Blick viel zu klein, das Umgreifen zwischen Analogstick und Digitalkreuz war absolut ungewohnt. Dennoch gehörte es zu DEN Momenten meiner Videospielgeschichte, dass ich Mario mit dem knubbeligen Stick nach vorne bewegte und sich meine Daumenporen in die hauchdünnen Rillen des Sticks drückten.

Mario verfiel in einen gemütlichen Trab,… und rannte drauflos. Gehen. Traben. Rennen. Gehen. Traben Rennen. Das erste Mal im Schlossgarten schwimmen gehen. Schwimmen in 3D. Nicht das 3D, welches wir heutzutage meinen. Es folgten der erste Dreiersprung in 3D („Uaaa, Huuhuuu, Yippiiieh!“), das erste Treffen mit Lakitu (inklusive Erklärung wie man eine virtuelle Kamera zu führen hat), der erste Schritt ins Schloss (samt fieser Bowser Lache)… und das erste Bild.

Bilder in die man hineinspringen konnte, waren selbst damals nichts besonderes. Jedenfalls glaub ich das heute – es gab bestimmt schon vorher 2D-Spiele, in denen Bilder ins nächste Level führten (klärt mich auf!). Der schicke Welleneffekt, welcher beim Abtauchen ins Bild über den Bildschirm waberte war jedoch sicher neu und faszinierend. Ebenso faszinierend ist es, wie selbstverständlich wir heutzutage realistische Wellen- und Wasser-Effekte empfinden – das Nintendo 64 war damit jedoch absoluter Vorreiter (siehe auch das fantastische Wave Race).

Ich denke ich könnte endlos weiter lamentieren – immerhin gehört Super Mario 64 bis heute zur absoluten Elite der Videospiele. Aber ich muss nicht viel mehr reden – beinahe jeder von Euch dürfte das Spiel selbst gespielt, die knuffigen Soundeffekte genossen und mit schweißnassen Händen das erste Mal Bowser am Schwanz gepackt und den ersten Wurf in eine Mine meilenweit vergeigt haben.

Deswegen nur soviel: Super Mario 64, besonders die Vorstellung an meine ersten Schritte im virtuellen Pilzkönigreich, helfen mir heute dabei schwierigen Momenten zu entfliehen. Andere machen Yoga, wieder andere gehen zum Psychiater, ganz andere wandeln ihren Schmerz in Aggressionen um. Vielleicht bin ich deswegen so eine ausgeglichene Person. Weil ich an Mario denke. Und was kann daran schon falsch sein?

Yoga für die Seele mit Super Mario 64? Mein Retro-Moment der Woche!

Portrait von meinen Schwabbelbacken inklusive Mario (Quelle: Patrice)

Portrait von meinen Schwabbelbacken inklusive Mario (Quelle: Patrice)

PS: Ok, ich habe doch gegoogelt: „Der Euro wurde am 1. Januar 1999 als Buchgeld, drei Jahre später am 1. Januar 2002 erstmals als Bargeld eingeführt.“ (Wiki) – Also spart Euch die Kommentare. Es waren DM!

PPS: Der fiese PC-Laden existiert nicht mehr.

PPPS: Meiner Oma geht’s noch immer gut. Sie erzählt zwar immer die gleichen Geschichten, aber sie erkennt mich noch. „Kein Kadette hat er gesagt.“ Nein, ich bin kein Kadette. Noch immer nicht. Liebe Grüße an Omi aus einem Medium, welches sie (leider) nie verstehen wird.

PPPPS: Meine andere Oma ist mittlerweile tot. Und sie war natürlich keine böse Oma.