Der Retro-Moment (Numero 23): Sword of the Berserk: Guts‘ Rage

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Beim Durchsuchen meiner Dreamcast-Sammlung stand ich mal wieder vor der Frage: „Mmmmh. Ein neuer Retro-Moment wäre mal wieder ’ne tolle Sache. Was meinst du, m’in Jong? Kriegst deinen faulen Hintern mal wieder hoch? Schauen wir mal… was eignet sich denn überhaupt noch für den nächsten Retro-Moment?“

Ich wurstel mich durch Crazy Taxi (zu seicht), Sonic (zu seicht… und viel zu schnell!), Shenmue (zu populär) über Dynamite Cop (zu gut… he, das könnte man doch nehmen!) und bremse meinen Zeigefinger von 120 auf 0 Km/h samt Schleudertrauma. Leider kommt Monsieur „Ich bin die Größe hinter Looser“ einen Zentimeter zu spät zum Stillstand. Sword of the Berserk: Guts‘ Rage strahlt mich da vom blauen Verpackungsrücken an. Na ok. Dann halt das 🙂

Sorgsam ziehe ich die Dreamcastverpackung aus dem Regal – immerhin haben die ollen Doppelhüllen die schlechte Angewohnheit leicht Risse davonzutragen. Verdammt sie hat schon einen Riss. Grmbl. Wieder 30 Euro Sammlerwert für’n Anus. Alter Falter, knutsch mir die Kimme.

Das Artwork, welches mich von der Verpackung anstrahlt hat nur wenig mit dem großartigen Manga-Vorbild zu tun, welches bereits seit mehr als einem Jahrzehnt als DER Geheimtipp für nerdige Manga-Boys mit Mittelalter-Tick gilt. Große Zweihänder, Dämonen mit Titten und soviel schwarzes Blut, dass Mangaka Kentaro Miura sicherlich mehr als 1000 Zeichenfedern dafür hat ausbluten lassen.

Definitiv nichts für ein junges Publikum – aber wer achtet im Manga-Handel schon auf sowas? Das Spiel hingegen hat den obligatorischen „NICHT geeignet unter 18 JAHREN“ Sticker in grell roter Farbe auf der blauen Packung prangern. Eine wesentliche Ironie am Jugendschutz ist ja, dass er schlecht mit der Zeit gehen kann. Und so kann das eifrige Gemetzel von Guts im Zeitalter von „Ich drück dir deine Augen durch den Schädel!“Kratos und „Ich punkte am liebsten mit meiner Kettensäge“ – Jack (Madworld, falls jetzt nicht gleich jeder drauf kommen sollte) nur noch wenig durch Brutalität glänzen.

Was das Spiel auch gar nicht nötig hat. Schließlich geht es um Berserk. Einer der besten Fantasy-Geschichten der letzten 20 Jahre. Fassen wir kurz zusammen: Waisenjunge Guts wächst bei seinem fiesen Ziehvater Gambino auf und tötet diesen eines Tages in Notwehr. Schon der junge Guts ist ein begabter Kämpfer – nicht unbedingt ein feiner, ritterlicher Kämpfer, als vielmehr ein brutaler, ausdauernder Berserker mit unzerstörbaren Überlebenswillen.

Nach längerer Reise schließt sich Guts dem Heer der Falken an – einer Elite-Truppe der besten Kämpfer des Landes, angeführt von Sunnyboy „der mit mit dem langen, lockigen Haar“ Griffith. Der sich darauf anschließende Aufstieg der Falken gehört mit zu den besten Manga-Geschichten, welche ich bislang lesen durfte… und findet seinen Abschluss in einer fiesen Tragödie, welche ich Euch an dieser Stelle nicht spoilern will.

Übrigens ist der Manga danach noch lange nicht abgeschlossen – nein, hier fängt die Geschichte erst an! Guts wird von Dämonen mit dem Berserker-Mal gezeichnet und verwandelt sich fortan zum schwarzen Berserker-Ritter. Auf seinem Weg abseits der Falken findet er zahlreiche neue Freunde – darunter die Elfe Puck, welche in den verstörenden und düster-blutigen Zeichnungen von Miura hin und wieder für etwas Aufheiterung sorgt, sowie Kjaskar, seine Jugendliebe, welche ihren ehemaligen Kampfgeist verloren hat und kaum mehr als ein geistig zurückgebliebenes Wrack ist.

Zum mittlerweile 35-Band starken Manga (übrigens noch nicht abgeschlossen!) gesellten sich im Laufe der Zeit gleich zwei Videospiel-Adaptionen hinzu: Das hier thematisierte Sword of the Berserk: Guts‘ Rage für die Dreamcast, sowie Berserk: Millennium Falcon Hen Seima Senki no Shō („Chapter of the Holy Demon War“) für Playstation 2 (2004). Letzterem blieb eine Veröffentlichung außerhalb Japans leider verwehrt – dabei braucht sich der Titel definitiv nicht vor dem Erstling verstecken. Guts‘ Rage hingegen wurde hierzulande 2001 von Eidos vertrieben, denen das Spiel übrigens nicht blutig genug war. So entschied sich die Firma extra für den West-Release nochmal 30 Prozent mehr rote Suppe ins Spiel zu pumpen. Verkehrte Welt!

Angesiedelt ist die eigens für das Videospiel entworfene Geschichte übrigens zwischen Teil 22 und 23 der Manga-Serie: Die Falken haben sich „aufgelöst“ und Guts zieht alleine mit Elfe Puck und seiner geliebten Kjaskar durch die Lande… bis sie auf Rita und ihre Künstler-Familie treffen.

Die Synchro zum Spiel hat sich Eidos einiges kosten lassen – deswegen liest sich der Cast auch wie ein frühes „Who is Who“ der Synchro-Szene. Held Guts (Michael Bell) kennt man aus dem PsOne-Klassiker Soul Reaver (Raziel!), außerdem sprach er „The Fear“ in Metal Gear Solid 3, Peter Jacob in Eternal Darkness, sowie Sed aus Lost Odyssey – von Medivh in Warcraft III: Reign of Chaos ganz zu schweigen. Ihr seht schon – alleine Herr Bell hat einiges auf dem Kasten. Die Auflistung der anderen Charaktere würde den Rahmen sprengen, aber ein Ausflug in die unbekannte Welt der Synchronsprecher offenbart immer wieder Überraschendes! (Elfe Puck wird von Cam Clarke gesprochen – besser bekannt als Kaneda aus dem Kult-Anime AKIRA! Wow!).

Eine weitere, nette Randnotiz: Sword of the Berserk: Guts‘ Rage erschien nur zwei Wochen (Ende 1999) vor Shenmue in Japan. Beide Titel gehörten übrigens zu den ersten Spielen, in denen Quick-Time-Events (QTEs) vorkamen – nur prägte später Shenmue’s Director Yu Suzuki den Begriff als solchen und die Verbindung mit Sword of the Berserk geriet in Vergessenheit.

Was macht das Spiel denn jetzt eigentlich eines Retro-Moment würdig, wenn man die Brutalität und Literweise Blut beiseite schüttet? Klare Antwort: Das Schwert! Ich erinnere mich ohnehin nur an sehr wenige (bis gar keine) Spiele, in denen Schwerter von Helden mit der Umgebung kollidieren können. Guts‘ Schwert hingegen KANN mit der Umgebung kollidieren – was bei einem über 2 Meter langen und dermaßen breiten Zweihänder auch nicht wirklich überraschend ist.

Kurz: Guts‘ Rage ist bis heute eines der wenigen Spiele, welche trotz des wenig realistischen Ansatzes ein fulminantes Schwert-Gefühl entstehen lassen. Der Zweihänder prallt in engen Kerkern gerne mal gegen die Wände – zum Glück hat unser Berserker-Held aber anstelle eines linken Armes noch eine „eingebaute“ Armbrust parat, welche Euch die fiese Dämonenbrut in engen Korridoren vom Hals hält.

Aber wenn Ihr mit dem Zweihänder durch Horden von Mutanten schnetzelt und die Rotoren des Dreamcast-Vibrators in Euren Händen kaum zur Pause kommen – ja, dann spürt Ihr eine Prise Schwertmagie, die man seitdem nur in wenigen Spielen vermittelt bekommen hat.

Die schiere Größe des Schlächters ist übrigens ungeschlagen, soweit ich weiß. Ich meine… welcher Videospielcharakter trägt schon so ein Schwert mit sich herum? Link? Nee, dagegen ist selbst das Master Schwert ein Brotmesser. Alucard? Nicht mehr als eine heiße Nadel! Ryu Hayabusa? Zumindest blutiger. Aber größer? Cloud Strife… ah jetzt ja! Hier hätten wir endlich einen Kandidaten.

Welches Schwert war zuerst da? Das von Cloud oder das von Guts? Nun, Final Fantasy 7 erschien 1997, erste Demos (Tobal Nr. 1!) und Bilder gab es bereits 1995. Die Erstausgabe des Mangas erschien am 26. November 1990. Noch ein Sieg für Guts!

Der Soundtrack zum Spiel stammt von Susumu Hirasawa – einem recht eigentümlichen Musiker, dessen Werke Euch zuletzt wahrscheinlich im grandiosen („wischt mit Inception den Boden auf“) Anime „Paprika“  durch die Ohrmuschel gesaust sind (zum Beispiel der Titeltrack -> Link!). Das bekannteste Werk aus Berserk ist dieses hier, charmant untermalt mit einigen Bildern aus dem sehenswerten Anime (und nein, er singt nicht „Horses“ sondern „Forces„!):

Derselbe Song dient als Anfangsmelodie des Spiels. Doch seht selbst – hier die ersten 10 Minunten, in denen bereits eines klar wird: Das Spiel geizt nicht mit Zwischensequenzen. Ganz und gar nicht! Soweit ich mich entsinnen kann, wurde die Länge der teils exzellenten Sequenzen damals sogar kritisiert.

Weiteres Merchandise? Nicht nur die Zeichnungen von Miura begeistern Berserk-Fans – auch die zahlreichen Fan-Artikel sind dank ihrer düsteren und detaillierten Oberflächen sehr beliebt. Infos findet Ihr unter anderem auf www.art-of-war.co.jp

Ihr seht schon – ich könnte ewig weitererzählen. Berserk ist eines der ganz großen Themen, und Ihr dürft mich ruhig Fanboy schimpfen – wenn nicht hier, wo dann? Doch bevor ich Euch weiter nerve, will ich diesen Retro-Moment Moment sein lassen – und nicht zur Lebensgeschichte aufplustern.

Als Berserker mit Riesenschwert auf Dämonenjagd gehen? Mein neuer Retro-Moment!

Kleiner Tipp für alle, die jetzt erst auf den Geschmack gekommen sind: Neben den eher schlecht erhältlichen 35 Einzelbänden, hat Planet Manga auch eine „Berserk Max“-Reihe gestartet, in der jeweils zwei Mangas in einem Band enthalten sind – soweit ich weiß ist bereits Teil 16 aus dieser Reihe veröffentlicht (also bis Manga 32).