Tutorials 2.0: „Der Pfeil zeigt Dir die Richtung zum Ziel!“

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Die Welt der Videospiele hat sich in den letzten Jahren fundamental verändert. Schlauchlevel, einsteigerfreundliche Bedienung, unendlich Leben (ohne Action Replay!), Rücksetzpunkte und automatisches Speichern nach jeder Feindberührung… da verzweifeln ältere Hardcore-Zocker, während jüngere Spieler dem neuen System kaum Beachtung schenken. Schließlich kennen sie es kaum anders.

Ein wesentliches Mittel um den Spieler in eine neue Spiel-Umgebung einzuführen, sind Tutorials. Hier werden gleich vor Beginn des Spiels die wesentlichen Steuerungsvorgaben erläutert und erlernt – jedenfalls soweit alles gut läuft. Andere Spiele verkleiden das Tutorial und setzen es mit dem Spielbeginn gleich – so dürft Ihr die Geschichte bereits erleben, ohne Euch durch doppelt-virtuelle Trainingsräume zu bewegen.

Der Grund für Tutorials scheint einleuchtend: Spieler, welche noch nie einen Ego-Shooter gezockt haben, wissen halt nicht, dass man mit diesem Knopf schießt oder mit diesem anderen Knopf zoomen kann. Oder das Feuer-Elementare am besten mit Wasser-Magie erledigt werden. Oder dass man für einen weiten Sprung erst mal Anlauf nehmen sollte. Ihr merkt schon worauf ich hinaus will: Vollkommen sinnlose Erklärungen von Dingen, welche (eigentlich!) durch gesunden Menschenverstand selbstverständlich sein sollten.

Gehen wir etwas weiter zurück in der Zeit und begeben uns ins ferne Japan. Hier – allen voran in den schillernden Hochhausschluchten der Millionen-Metropole Tokyo – steht jeder Mensch einem dichten Schilderwald gegenüber. Es werden nicht nur Richtungen ausgewiesen, sondern es wird erklärt und informiert bis die Schwarte kracht.

Lasst mich kurz mal einige Beispiele aus meinen Reisen ins Land des Lächelns ausgraben, um Euch näher zu verdeutlichen, was ich meine. Auf Cola-Dosen sind Bedienungsanleitungen gestanzt, welche Euch erläutern, dass man doch die Lasche nach oben ziehen muss. „Du musst doch nur den Nippel durch die Lasche ziehen, und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben drehen…„.

An diversen Ecken im Untergrund warnen Euch Schilder davor, dass eventuell andere Menschen um die Ecke kommen könnten – Vorsicht vor einem Zusammenstoß ist geboten! Baustellen leuchten in allen Farben des Regenbogens und sind mit Schildern beinahe zugekleistert – egal ob eine Glühbirne in einer Straßenlampe ausgetauscht wird, oder die Straße für wenige Meter gesperrt wurde.

Wer findet das Mäcces-Zeichen?

Ein Thema, welches in diversen Videospielen japanischer Herkunft gerne mal aufgegriffen wird. Streng genommen ist es japanischer Lebensstil – die Schilderkultur. Diese Kultur findet seit den frühen Tagen auch virtuellen Einzug: In vielen Spielen erläutern Euch Comic-ähnliche Wegschilder die Steuerung oder geben wichtige Hinweise. Super Mario World hatte seine „Sprechboxen“, bei Donkey Kong Country Returns klären Euch Schweine im Hintergrund über Steuerungsfinessen auf, in Rollenspielen sind Weg- und Info-Schilder beinahe so üblich wie Rundenkämpfe.

Das System wurde weitergereicht, adaptiert und modifiziert – in Super Mario Galaxy haben die Schilder sogar eigene Namen (Schildbert, Schildhilf, Schildfried und Schildbürger). Kurz gesagt: Diese Schilder sind einer der wohl wichtigsten Startpunkte der hier beschriebenen Tutorials.

Neben Schildern und diversen Variationen spielten auch NPCs eine wichtige Rolle in der Einführung von Spielelementen – oder um den bekanntesten Ausspruch von Falco Lombardi gleich mal als Beispiel zu nehmen: „Do a barrel roll!“. Leider habe zumindest ich das Gefühl, dass die virtuellen Begleiter heutzutage ihren Job als Tutor kaum mehr wahrnehmen – und dies trotz besserer K.I., cleverem Text-Scripting und allgemein höherer Spielerbindung. Eine vergessene Möglichkeit?

Eine andere Annährung an das Thema sind die Spieler selbst. Während Spieler A ein kurzer Blick ins Handbuch genügt um die gesamte Steuerung zu überblicken („Ah, so funktioniert ein Ultra-Move!“), tut sich Spieler B schon schwer damit gleichzeitig zu rennen UND zu springen. Ein großer Graben, der besonders heute weiter klafft wie nie zuvor – schließlich stoßen immer mehr Anfänger in das Reich der Videospiele vor. Ob über Facebook oder iPhone, ob über die Wii, Playstation 3 oder einen Handheld.

Demzufolge erleben wir zurzeit auch einen Boom an Tutorials – aus eigener Erfahrung mit der Facebook-App „Die Siedler – My City“ kann ich sagen: Tutorials nehmen einen sehr wichtigen Platz in der Spielentwicklung ein und werfen teilweise mehr Fragen auf, als das eigentliche Spiel. Sieht Spieler B den großen, roten Pfeil? Versteht Spieler C, dass man eine Produktionsstätte anklicken kann um Brot zu produzieren? Wie lang muss das Tutorial sein? Welche Elemente müssen vorgestellt werden? Fragen über Fragen!

Kein Wunder, dass unter der Prämisse „Unsere Spieler sind zunächst einmal alle potentielle Idioten“ das eigentliche Spiel gleich zu Beginn leiden muss. Um es mit Büchern zu vergleichen: Anstelle mir nur ein gutes Buch zu kaufen, bekomme ich den Schriftsteller gleich mit aufgezwungen. Und bevor ich anfange zu lesen, erzählt der mir erst mal, wie das denn jetzt alles gedacht war mit den Hobbits und Elben, wie man die Seiten umblättert ohne den Buchrücken zu schädigen und wie man am besten ein Lesezeichen setzt. Kurz: Bevor ich in die fantastische Geschichte einsteigen kann, werde ich mit Infos bombardiert, die ich

a.) entweder längst kenne
b.) die mich nicht sonderlich interessieren
c.) die mich in letzter Instanz davon abhalten überhaupt eine Verbindung mit dem Buch aufzubauen.

Ganz anders sieht es aus, wenn der im Beispiel genannte Autor Informationen rund um die Anfänge des Buches preisgibt – Informationen, welche ich im Buch selbst nicht finde. Ein Musterbeispiel für ein gutes Tutorial möchte ich bei Fallout 3 setzen – natürlich nur eines von vielen Beispielen. Aus den Augen eines Säuglings wird Euch die Bewegungssteuerung erklärt, aus den Augen eines Kleinkindes erforscht Ihr den ersten Raum, agiert mit Objekten und setzt sogar die Attribute für Euren späteren Charakter fest. Nachdem Ihr einige Jahre später aus dem Untergrundbunker an die frische, verstrahlte Luft ausbrecht, habt Ihr die wesentlichen Spiel-Elemente begriffen, ohne gelangweilt oder ernüchtert zu sein.

Das Tutorial von Fallout 3 ist ein zentrales Story-Element, führt Euch perfekt an die Steuerung und das Interface heran und hat eine angenehme Länge. Letzteres hingegen ist ein Stichwort für viele schlechte Tutorials: Die Dauer desselben. Wer heutzutage ein Spiel kauft, muss einige Minuten dafür einrechnen das Spiel überhaupt auf den letzten Stand zu bringen (Updates!) oder auf der Festplatte zu installieren. Wer diesen nervigen Zeitfaktor hinter sich gebracht hat, der sieht sich nur ungerne einem Tutorial gegenüber, welches ihn für eine weitere Stunde fern der gewünschten Spielwelt hält.

Erstaunlicher Weise sind nicht nur Hardcore-Zocker vom Tutorial-Überfluss genervt – immer wieder darf ich auch in meinem Nichtspieler-Freundeskreis betrachten, wie Info- und Dialogkästchen schnellstmöglich abgebrochen werden. Ein Spiel lernen wollen und ein Spiel mal kurz nebenbei für einige Minuten spielen – ein gigantischer Unterschied, der bereits ganze Genres ihren guten Ruf gekostet hat. Das erinnert mich an die Zeit zurück, in der man VOR seinem virtuellen Ausflug einen neugierigen Blick in die beiliegende Anleitung des Spiels warf. Was erwartet mich? Wie wird gesteuert? Was sind die wichtigsten Charaktere?

Heute muss alles schnell, schnell, schnell gehen. Überraschung: Es funktioniert dennoch. Selbst die dümmsten und unfähigsten Gelegenheitszocker finden irgendwann den Sprung-Knopf. Und ja, sie werden damit über Hindernisse springen – ob mit, oder ohne Tutorial. Trial and Error ist eine Spielweise, welche die wenigsten Hersteller noch auf dem Schirm haben. Super Meat Boy… anyone?

Kommen wir kurz noch zu einem letzten Punkt auf unserer Tutorial-Reise: Dem Schwierigkeitsgrad. Ein verblüffendes Phänomen der heutigen Zeit sind abnehmende Schwierigkeitsgrade. Will heißen: Je länger Ihr zockt, levelt und verschiedene Kombos auswendig lernt, desto einfacher erscheint das Spiel. Letztes Level? Langweilig! Endboss: Für die Katz! Allen voran bei modernen Rollenspielen im Stil von Dragon Age 2 oder Mass Effect 2 fällt dies auf und entpuppt sich als genaues Gegenteil zur Retro-Spiele-Kultur. Super Mario Bros. wurde nicht einfacher, es wurde verdammt schwierig. Die letzten Dungeons in The Legend of Zelda: A Link to the Past entpuppten sich als fiese Kopfzerbrecher. Tetris wurde schneller… nicht langsamer.

Mein Fazit:

Heutige Spiele brauchen nur in ganz, ganz seltenen Fällen eine Einführung! Also eine Bitte an alle Studios und Hersteller da draußen: Nutzt die Arbeitszeit, welche Ihr in sinnlose Tutorien packt, lieber für zusätzlichen Content. Und: Verkürzt Eure Tutorials so gut es geht. Macht Tutorials optional… oder bindet sie charmant in die Spielwelt ein. Wenn Ihr Spieler schon zu einem Tutorial zwingen müsst – belohnt uns dafür! Haut Achievements raus, oder eine ganz spezielle Waffe. Passt Euer Tutorial an die Spielwelt an – nicht anders herum! Verpackt Eure Hilfe-Stellungen besser!

Tipps & Tricks im Ladebildschirm sind eine der wenigen, sinnvollen Entwicklungen der letzten Jahre („Ach, wenn ich alle drei Tasten drücke, kann ich meinen Gegner erniedrigen? Cool!“). Enttäuscht bin ich jedoch immer wieder von diversen Optionsmenüs – wie schwer kann es sein eine übersichtliche Anleitung und Controller-Belegung ohne fünffache Bestätigung (oder einen zweiten Bildschirm, siehe Nintendo DS) angezeigt zu bekommen?

Kurz: Nervt uns nicht weiter mit miesen und langweiligen Tutorials!