Fazit zur Gamescom 2012: Erhebt Euch!

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Rise.

Das aktuell wohl meist genutzte Modewort der PR-Branche. Batman ist gerisen, auferstanden aus einem Gefängnis, begleitet von mysteriöser Shambalala-Musik. Der Planet der Affen ist gerisen. Rise Against ist ’ne ziemlich gute Band. Risen 2 teart wie Sau.

Und wie sieht’s nun aus mit Gamern, uns Zockern? Wir erheben uns nur ungerne, schließlich sind wir Kinder des Sofas, Erben der Gelassenheit. Erheben tun wir uns nur um Getränke und Fressalien aus der Küche im Zockerzimmer zu installieren. Wobei ich sagen muss das Wassereis aktuell echt DAS BESTE ist um diese Temperaturen irgendwie zu überstehen. Mmmh. Wassereis.

Rise schmeckt auch gut mit Lachs obendrauf. Der Slogan selbst ist paradoxes Programm der Gamescom 2012 in Köln. „Erhebt Euch!“ verkündet Ubisoft am Assassin’s Creed III Stand, ein wirklich episch großer Stand, versteckt hinter 100 Meter hohen Wänden. Wartezeit: 5 Stunden und mehr… wenn man Glück hatte. Der Lohn der Mühen: Ein Trailer und eine spielbare Demo der Schlachten auf hoher See.

Wie gesagt: Im Gegensatz zu Assassine Connor erheben sich Gamer nur ungerne. Wir sind die Hobbits der westlichen Kultur, wir sind gemütlich, entspannt und lassen uns nur ungerne zu heroischen Taten anzapfen – auch wenn wir die Rettung der Prinzessin aus den Klauen des Hexenkönigs Bowser zumindest im zerebralen Raum der Möglichkeiten unserer Seele schon tausendfach durchgespielt haben. Abenteuer im Kopf, Abenteuer auf dem Bildschirm. Doch wenn’s um das reale Leben geht fangen wir an zu schwitzen.

Die Gamescom ist so gesehen ein höchst schizophrener Laden: Hallenfußball, gigantische Klettergerüste, Beach-Volleyball – alles so gar nichts für den gemein-gemütlichen Nerd von Heute. Zugucken bei gleichzeitigem Rückzug in genannten Raum der Möglichkeiten? Klar. Selbst daran teilnehmen? Ich glaub, ich muss weg. Schon so spät.

Für ältere Nerds wie meiner einer ist die Gamescom eigentlich eben nur noch das: Ein Ort zum Zugucken. Ein akustisch-visueller Mix aus Kindheitserinnerungen, seichten, sportlichen Hoffnungen, einer Prise Gaffertum, primitiver und höchst sexistischer Babe-Beschau und Goodie-Gier. Mit Videospielen selbst hat DAS hier nicht mehr viel zu tun.

Wie auch? Die gigantischen Stände der großen Publisher sind von hohen Wänden so umgeben, dass man keinen einzigen Blick auf die sogenannten „Neuheiten“ erhaschen kann. Borderlands 2 habe ich auf einem Bus und auf hohen Wänden gesehen – als Standbild. Need for Speed: Most Wanted habe ich in Form von drei richtig schicken Karren gesehen – fragt mich nicht nach Modellen, ich fahre Opel. Call of Duty: Black Ops 2 starrte in Form eines riesigen Posters auf mich herab – die Warteschlange offenbarte einen Hauch von Phantasialand in Mitten der Schulferien.

Nebenbei sammeln sich ausgerechnet dort Menschenmassen an, wo so gar keine neuen Spiele gezeigt werden: Tastatur-Tüftler Razer begeisterte die Massen mit dem Charme einer Crack-abhängigen Straßennutte im Spätsommer, welche die Techno-Tonleiter aus der Hölle heraufklettert um an deren Spitze einen lauen intellektuellen Furz nach dem nächsten preiszugeben, während die Menschenmenge ekstatisch ihre Hände nach oben reißt um diversen Push-Up-Ladys die T-Shirts aus den Händen zu reißen. Sodom und Gomorrha.

Da wundert man sich noch, dass Borderlands 2 nur von 18jährigen bestaunt werden darf. Übrigens: Es wurden keine Gamer-Shirts verteilt – die meist weißen T-Shirts hatten meist einen simplen Firmenaufdruck. Häßlich wie die Nacht.

Einige Leute schlussfolgern bereits: Videospiele als künstlerische Ausdrucksform sind unter solchen Prämissen auszuschließen. Ich sage nochmal: Mit Videospielen hat die Party hier nichts zu tun.

Ausgerechnet der e-Sport Bereich vereinte beide Welten friedlich in seinem Schoß. Auf Sitzen hockende Hobbitse vor einer großen Leinwand, eine proppevolle Halle, gigantische Leinwände, Moderatoren und eine Prise Stadion-Atmosphäre. Bei League of Legends gucken neben der Anwesenden noch über 150.000 Leute von zu Hause den Live-Stream. Das sind zwei voll ausgebuchte, Berliner Olympia-Stadien. Und spannender als die EM ist es auch, wenn sich Fettwänste wie Bierfass-Gragas mit blonden Schönlingen wie Ezreal (im Samus-Kostüm) oder Yeti Nunu auf die Moppe geben.

Neuigkeiten kann ich Euch also beinahe keine liefern – die ganzen coolen Trailer und Neuigkeiten habe ich größtenteils schon auf dieser Seite gebloggert. Auf der Gamescom selbst bin ich allerhöchstens verwundert darüber, wie wenig sich die Moderatoren und Presse-Futzis tatsächlich mit ihren Spielen auszukennen scheinen – für die meisten dieser netten Vertreter gilt meiner bescheidenen Meinung nach: „Verkauft lieber Internet-Flatrates vor meiner Tür. Da brauch ich nicht aufmachen.“

Hört sich alles furchtbar negativ an? Ist es eigentlich gar nicht. Als Vollblut-Spieler hat man soviel zu lästern, dass es beinahe wieder Spaß macht. Hobbits lästern halt auch gerne. Und wie schon so oft angeschnitten wurde: Um Videospiele geht es hier nur sekundär. Ich tauche ein in die Masse aus (größtenteils) Gleichgesinnten. Freaks, Nerds, Pickelgesichter – wie RTL die Jungs und Mädels nennen würde. Ich bin gerne hier, weil ich die schräge Party dann doch wieder interessant genug finde, um im Vorverkauf 6,50 dafür auszugeben.

Außerdem treffe ich Freunde, die ich vorher noch nie gesehen, dafür seit seit 15 Jahren gelesen habe. Die Jungs aus dem Maniac-Forum zum Beispiel, die teilweise ihre eigenen Stände hatten: der Caseking (ausgesprochen „Kääsking“), der Kingplayer mit seiner absolut grandiosen Sammlung aus Videospiel-, Anime- und Manga-Merchandise. Die Jungs vom Jugendforum NRW, bzw. der Vier Pfeile Musikspiel-Community. Auf einer DDR-Tanzmatte abzugehen wie ein japanischer Makake auf Drogen funktionierte bei dem Wetter jedoch nur in Zusammenarbeit mit den Energy-Drings vom Caseking. Urghs – und nochmal Prost!

Spannend: Meine zweite Begegnung mit René Meyer, dem größten und bekanntesten Sammler Deutschlands, der seinen Retro-Stand dieses Jahr auf einer gigantischen Ausstellungsfläche parken durfte. Ich hab René ob seiner schusseligen Art so lieb, als ob ich ihn schon ewig kennen würde. Das kurze Knuddeln und Wuddeln wird zum ersten, persönlichen Gamescom Highlights des Jahres. So ähnlich als ob Frodo auf Bilbo trifft. Brüder im Geiste – da fühlt man sich doch einigen Leuten näher, als bei vielen täglichen Begegnungen aus dem „normalen“ Leben.

Der Retro-Stand war groß – im doppelt-positiven Sinn. Gunnar Lott und Christian Schmidt nahmen dort ihren Podcast auf, am Donnerstag gab’s u.a. ein Gespräch über Videospiel-Sammlungen (vor allem: „Wie ERHALTE ich Videospiele?“) sowie die Lesung „Endboss“ mit Autor Constantin Gillies. Samstag ließ sich sogar Game-Soundtrack-Composer-Legende Chris Hülsbeck blicken.

Das wohl beste am Retro-Stand: Man durfte Videospiele zocken! Egal ob C64 oder Nintendo Virtual Boy – die wohl klobigste VR-Brille der Videospielgeschichte – man ließ sich einfach in einen der zahlreichen Sitzsäcke fallen und konnte endlich mal vom Techno-Stress der Messe abschalten. Oder man wagte sich in die viel zu enge Arcade-Ecke mit Donkey Kong Automat, Flash Gordon Flipper und Air Basketball. Alleine dafür sichert sich der Retro-Stand mein persönliches „Best of Gamescom 2012“.

Was gab’s sonst noch?

ZombiU-Mädels verteilten matschige Augäpfel (schmecken gut!), der Tod ließ sich mit zwei „Todinnen“ blicken (Darksiders 2 rockt BTW), Cosplay ist teilweise so schlecht, dass es schon wieder gut ist… und so gut, dass es schon wieder schlecht ist. Die Beschallung machte vernünftige Unterhaltungen unmöglich – warum ist Techno und Rap eigentlich so angesagt unter den Besuchern? Ich hätte sprichwörtlich ALLES für zwei oder drei Gitarrenriffs getan!

Tony Hawk war da. Elton war da. Ein HAUFEN D- bis E-Promis schoben sich durch die Gänge. Podcastler- und Youtuber wurden gefeiert wie Hollywood-Stars nach erfolgreicher Alkohol-Entzugskur. Medal of Honor wurde mit viel militärischem Pathos beworben – ekelig. Brickforce ist eine Mischung aus Counter-Strike und Minecraft – der Stand war einfach nur goldig.

Der Blizzard-Stand schien – verglichen mit den Vorjahren – etwas leerer. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur die Warteschlange übersehen. Der neue Mists of Pandaria Trailer feierte übrigens auf der Gamescom seine Premiere – auch für Nicht-WoW-Fans und alle „Hater“ ein durchaus lohnenswertes Video (Link!).

Ni No Kuni wurde auf EINEM Display am Bandai Namco Stand gezeigt. Der Landwirtschaft Simulator 2013 rockt – man durfte sogar Träcker fahren! World of Warcraft wurde als kleine LEGO-Ausstellung präsentiert – nice! Nina sammelte Puzzle-Teile für unseren 3DS XL en masse. Rambo – Das Videospiel macht seinen Vorgängern alle Ehren und ist Grütze Hoch 10.

Sony verkauft scheinbar so wenige PS Vitas, dass die Teile auf dem Sony-Stand praktisch aus dem Boden wuchsen. Das Buch der Zaubersprüche (Playstation 3) ist richtig kranker Scheiß. 

Guild Wars 2 hatte eine ziemlich aufwändige, digitale „Wasser-Anzeige“ – ich wäre bei dem Wetter am liebsten mal drunter hergesprungen.

Letzte Frage: Warum stellen sich Leute eigentlich lange Zeit an um FIFA 13 zu sehen? Was zum Geier?

Kurz: Es gab viel zu sehen. Nur halt eher wenige Spiele, außer man hatte das Aushaltevermögen eines Faultiers. Nächstes Jahr wieder hin? Zum lästern und Freunde treffen? Darauf könnt Ihr Euren Arsch verwetten.

Für heute allerdings gilt: Scheiß auf Games, draußen ist Sommer. Erhebt Euch!

RISE!

PS: Daddel-Wort zum Sonntag fällt heute flach!

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