Daniel daddelt Beyond: Two Souls

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Hollywood goes Videospiel: In Beyond: Two Souls erlebt der Spieler das Leben der paranormal begabten Heldin Jodie Holmes (verkörpert von der Schauspielerin Ellen Page) in einem schnellen Wechsel durch die wichtigsten Szenen ihres Lebens. Es ist die klassische „Es war einmal“ Formel, durchbrochen mit einem steten Wechsel zwischen den Zeiten, stark präsentiert mit lebensecht integrierten Schauspielern und untermalt von einem fantastischen Soundtrack aus den Händen von Hollywood-Komponist Hans Zimmer.

Der französische Hersteller Quantic Dreams hat bereits mit den filmreif inszenierten Videospielen Fahrenheit (PlayStation 2) und Heavy Rain (PlayStation 3) ein extrem solides Fundament für diese Art von Spiel aufgebaut, welches weniger auf das Geschick des Spielers, als vielmehr auf die Präsentation einer Geschichte gemünzt ist.

So sollte man auch Beyond: Two Souls nicht nach gewohnten Maßstäben messen. Wer bei Spielen auf präzise Steuerung und findige Spielmechaniken achtet, der ist hier an der falschen Adresse. Letztendlich ist Beyond: Two Souls aus spielerischer Sicht nicht mehr als eine Geisterbahnfahrt, gewürzt mit zahlreichen Reaktionstests, einigen wenigen Rätseln und der stets anwesenden Möglichkeit zur Entscheidung, wie sich Jodie in verschiedenen, teils extremen Situationen zu verhalten hat.

Eine Spoiler-Warnung gleich zu Beginn: der folgende Text geht auf einige Stellen im Spiel ein, jedoch werden schwerwiegende Story-Spoiler vermieden. Da Beyond: Two Souls von seiner Geschichte lebt, ist es schwierig ohne Rücksicht auf diese über den Titel zu berichten. Für alle Leser, die sich den Spaß dennoch nicht nehmen wollen und vollkommen unvorbereitet in das Spiel einsteigen wollen, bereits an dieser Stelle ein frühes Fazit, ohne kritische Substanz: alle Daumen hoch! Kaufen!

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Eine ganz besondere Party

Nachdem die jugendliche Jodie – bislang von ihrer Umwelt abgeschnitten im Test-Labor vor sich hinvegetierend – ihre erste Party mit Gleichaltrigen feiert und diese plötzlich ein unerwartetes Ende findet, liegt es in den Händen des Spielers, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Eben diese Entscheidungen führen die Geschichte in allen Kapiteln weiter und führen zu einem von insgesamt 24 verschiedenen Enden, welche nach guten 12 Stunden Spielzeit über den heimischen Schirm flackern.

In dieser Hinsicht erinnert Beyond: Two Souls an den guten, alten Multiple-Choice-Roman, in dem nach jeder geschriebenen Seite Optionen wie „Wenn Du den Drachen bekämpfen willst, lese weiter auf Seite 18“ oder „Wenn du fliehen willst, lese weiter auf Seite 109“ geboten werden. Damit diese Entscheidungsbäume in einem Videospiel funktionieren, muss die stete Neugier des Spielers entfacht werden: Genau an diesem Punkt brilliert Beyond: Two Souls auf ganzer Linie.

Die Hintergrundgeschichte ist objektiv betrachtet eine auf 12 Stunden aufgeplusterte Folge von Akte X und kommt leider nicht ohne das eine, oder andere Hollywood-Klischee aus. Dennoch fühlt man sich als Spieler extrem stark an Jodie und ihr düsteres Schicksal gebunden: Bereits als kleines Kind wird sie von der übernatürlichen Erscheinung namens Aiden begleitet und von Monstern heimgesucht, worauf Ihre Zieh-Eltern sie aus Angst und Verzweiflung in ein Labor der Regierung einweisen.

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Dort wächst Jodie unter der Obhut von Wissenschaftler Nathan Dawkins (Willem Dafoe) und seinem Assistenten Cole Freeman (Kadeem Hardison) abgekapselt von der Öffentlichkeit auf. Nathan entwickelt sich in dieser Zeit zu ihrer neuen Vater-Figur.

Die starke, emotionale Bindung an Jodie ist vor allem der schauspielerischen Meisterleistung von Ellen Page, sowie den anderen namhaften Schauspielern zu verdanken. Zahlreiche Nahaufnahmen lassen nicht nur jede kleine Falte in den Gesichtern der Protagonisten erkennen, sie setzen auch auf große Gefühle: vom ersten Kuss zur tiefen Trauer, vom schüchternen Lächeln bis zum atemlosen Entsetzen zeigt sich Jodie als eine der wohl eindrucksvollst inszenierten Videospielfiguren aller Zeiten.

Mit 12 Stunden ist Beyond: Two Souls alles andere als kurz und bietet, trotz der sehr flachen Spielmechanik, ein hohes Maß an Wiederspielwert. Einige Szenen im späteren Spielverlauf präsentieren sich aufgrund ihrer Trennung zur Hauptgeschichte eher als „Füller“-Folgen, dennoch bleibt jedes Kapitel stets spannend.

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Zur Hilfe! Aiden!

Spielerisch sorgt die paranormale Existenz namens Aiden für das wesentliche Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Vorgängern Fahrenheit und Heavy Rain. Als ständiger Begleiter von Jodie geistert der Spieler im wahrsten Sinne des Wortes mit Aiden durch die Umgebung, öffnet verschlossene Türen von der anderen Seite, schaltet Kameras aus oder übernimmt diverse Charaktere, um sie darauf als Marionette fernzulenken.

Der Wechsel von Jodie zu Aiden erfolgt per Knopfdruck, die Steuerung in der optisch verschwommenen Geisterwelt bedarf zu Beginn jedoch etwas Eingewöhnungszeit. Zu Beginn des Spiels gleitet Ihr mit Aiden zum Beispiel in einen nebenstehenden Raum, um dort einer Frau in die Karten zu schauen und diese dann mit der jungen Jodie selbst auszuwählen.

Im späteren Spielverlauf lernt Aiden noch weitere Fertigkeiten hinzu: So heilt Ihr Wunden, werft einen Blick in die Vergangenheit von Menschen und Gegenständen, oder erschafft einen Schutzschild, um Jodie vor diversen Gefahren schützen zu können. Wer Aiden ist, und warum die Erscheinung an Jodie gebunden ist, entwickelt sich zur wichtigsten Frage des Spiels.

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Audiovisuelle Wundertüte

Nicht nur die extrem detaillierten Figuren lassen dem Spieler öfters mal die Kinnlade auf den Boden Klappen: auch stilistisch beindruckt Beyond: Two Souls. Dank des steten Zeit- und Szenenwechsels kommt visuell keine Langeweile auf, von ausladenden Wüstenlandschaften, düsteren Wäldern, den engen Korridoren und Zimmern des Labors und verschneiten Straßenzügen folgt der Spieler Jodie auf einer beeindruckend präsentierten Reise.

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt: Schwarze Balken am oberen und unteren Bildschirmrand betonen zwar die cineastische Atmosphäre, sind aber definitiv auch Mittel zum Zweck, um diese Form von Grafik aus der älteren PlayStation 3 Hardware herauszukitzeln. Die Begrenzung der Spiel-Areale auf sehr enge Plätze und Korridore tut ihr übriges, um die grafische Pracht überhaupt realisieren zu können.

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Neben der grandiosen Optik weiß Beyond: Two Souls auch akustisch zu überzeugen: Niemand geringeres als der deutsche Komponist Hans Zimmer zeichnet sich für den Soundtrack verantwortlich. Zimmer ist allen voran bekannt für Hollywood-Blockbuster wie The Dark Knight oder Inception, ist aber auch im Videospiele-Sektor keine unbekannte Größe. So verhalf Zimmer schon Titeln wie Call of Duty: Modern Warfare 2oder Crysis 2 zu ihren markanten Soundtracks.

Fazit

Eine klassische Wertung macht für Beyond: Two Souls nur wenig Sinn: Aus spielerischer Sicht ist der Titel bestenfalls Durchschnitt, nicht alle Reaktionstests sind immer nachvollziehbar („Warum musste ich jetzt nach „unten“ drücken, und nicht zur Seite?“), nicht alle Kameraperspektiven gut gewählt. Enge Korridore und fehlender Entscheidungsfreiraum an Stellen, an denen man eigentlich tatsächlich etwas entscheiden will, sind weitere Beweise dafür, dass Beyond: Two Souls kein Juwel an ausgefuchster Spielmechanik ist.

Wer diesen starken Negativpunkt verkraften kann, wird auf der anderen Seite mit einem der bemerkenswertesten Videospielen der letzen Zeit belohnt, in dem eine 12 Stunden lang andauernde, beinahe perfekt inszenierte Geschichte mit starken und interessanten Charakteren für alles andere entschädigt.

Es sollte durchaus nicht unterschätzt werden, dass die Entscheidungen des Spielers – und seien sie noch so gering – doch erheblich mehr emotionale Charakterbindung schaffen, als es im filmischen Medium möglich wäre.

Beyond: Two Souls ist freigegeben ab 16 Jahren und erscheint am 9. Oktober exklusiv für PlayStation 3.

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