Kommt die „Next Gen“ jetzt doch zu früh?

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Daddel Wort

Xbox 360. 2. Dezember 2005. PlayStation 3. 23. März 2007. Die Wii. 8. Dezember 2006.

Es sind die Jahre, welche Fuchtelsteuerung als Revolution verkaufen, Jahre in denen die Blu-ray vom verdächtigen Fremdobjekt zum neuen Massenspeicher erster Wahl mutiert (ganz im Gegensatz zur HD-DVD).

Jetzt schreiben wir das Jahr 2013 ins heimische Logbuch und blicken auf sieben bis acht Jahre zurück, in denen sich im heimischen Konsolen-Regal nicht viel getan hat. Gut, die Hälfte aller Xbox 360 Erstkonsolen dürfte mittlerweile von einem rot leuchtenden Ring dahingerafft worden sein, und auch die PlayStation 3 sah mehr als nur eine Neu-Inkarnation. Speicher wurde billiger und die Festplatten trumpfen mittlerweile mit 250 Gigabyte auf – noch immer verschwindend wenig, wenn man die standardisierte 1 TB Festplatte für PCs berücksichtigt.

Aber wir alle sind uns wohl einig, wenn wir sagen: Es ist genug. Es reicht. Es waren schöne Jahre, aber ein Hardware-Upgrade ist MEHR als nötig. Leider sehen Microsoft, Sony und selbst Nintendo das nicht so einfach: zu einem Konsolenstart ist halt mehr nötig, als „nur“ neue Hardware. Da müssen revolutionäre Kontroller entwickelt werden, mit Werbung zugekleisterte Online-Portale wollen geplant und vermarktet werden, es muss ein cooler Name gefunden werden (Xbox ONE zum Beispiel – argh!), die Serverstrukturen müssen weltweit extrem aufgebessert werden um ALTE Spiele streamen zu können, die man eigentlich auch einfach per Emulator hätte laufen lassen können.

Kurz: Ein Publisher in der Größe von Sony und Microsoft gibt sich dann doch nicht mal eben mit „nur“ neuer Hardware ab. Es muss an allen Ecken rocken, es muss „stylish“ sein, Zielgruppengerecht und neue Zielgruppen erschließend,… streng genommen werden da keine Konsolen mehr entwickelt, sondern Beschäftigungsprogramme für zehntausende Mitarbeiter über die nächsten 5 bis 10 Jahre.

Xbox ONE. 22. November 2013. PlayStation 4. 29. November 2013.

Die Karten werden neu gemischt, heute liegt kein gutes Jahr mehr zwischen der Veröffentlichung beider Konsolen. Die Wii U interessiert – global gedacht und so leid es mir tut – keine Sau mehr. Vielleicht reißen Mario Kart 8 und Co. das Ruder noch rüber. Vielleicht.

Die nächste Generation des Gamings findet laut findiger PR-Menschen und grauen Anzugträger einzig auf PlayStation 4 und Xbox ONE statt. Kein Wunder, dass die Konsolen so nahe beieinander erscheinen: Alles andere wäre eine Blamage für die Firmen dahinter.

Woran jedoch niemand gedacht zu haben scheint, sind die Entwickler von Spielen für die neue Hardware, äh, Verzeihung, das neue „Lifestyle Projekt“. Die Menschen, die aktuell 24 / 7 in kleinen (und auch mal größeren, gigantischen, mit Pool und Kicker ausgestatteten) Entwicklerbüros hocken und an ihren Drehstühlen festgetackert wurden.

Doch jetzt, plötzlich, erkennt man: „Wir haben zu wenig Zeit!“

So sagte Ubisoft die Veröffentlichung von Watch Dogs – DEM potentiellen Killer-Franchise der nächsten Jahre – zum Konsolenstart ab. Das „Open World“ Rennspiel The Crew wird ebenfalls nebenbei ins nächste Fiskaljahr verlegt. Und Sony selbst (bzw. Evolution Studios) verschiebt den exklusiven PlayStation 4 Starttitel DriveClub auf 2014.

Noch eine Äußerung geht im aktuellen Veröffentlichungs- und Trailer-Reigen etwas unter: selbst DICE – die beileibe kein kleines Entwicklerstudio mehr sind – beschwerte sich unlängst über den straffen Zeitplan zu Battlefield 4, welches am 29. Oktober zeitgleich auf Xbox 360, PlayStation 3 und PC veröffentlicht werden soll. Und dazu noch zum Start von Xbox ONE am 22. November und zum Start der PlayStation 4 am 29. November.

FÜNF (!!!) Plattformen, die praktisch gleichzeitig umsorgt werden wollen, inklusive ausführlicher Beta-Test-Auswertungen, QA, Produktion und einer Patch-Phase, die sich sicher noch bis Anfang 2014 strecken wird. Laut Executive Producer Patrick Bach hat DICE eine Verschiebung von Battlefield 4 durchaus erwogen… und er hat Verständnis für die Verschiebung von Watch Dogs.

Das komplette Interview könnt Ihr hier nachlesen: Bach on the Frontline: Battlefield 4’s lead producer readies for war.

Software am Fließband

Es sind nur kleine Ausschnitte aus einer Welt, die sich viel zu schnell dreht. FIFA 12, FIFA 13, FIFA 14. Call of Duty, Call of Duty, Call of Duty. Jedes Jahr MUSS eine Fortsetzung der Millionen verkaufenden Marken im Regal stehen. Und pünktlich zum Start der nächsten Generation will man darüberhinaus noch Titel haben, die alles „Alte“ in den Schatten stellen. Dass sowas nicht gut gehen kann, sieht man nicht nur an den Verschiebungen: auch Call of Duty: Ghosts und Battlefield 4 sind rein technisch gesehen nur in den vielen Details „besser“ geworden.

Was weiter schmerzt ist der Entwickler-Alptraum „Multi-Release“: die PC-Gemeinde will ebenso befriedigt werden, wie die „alte“ Garde und die neuen Kunden auf PlayStation 4 und Xbox ONE. Dass da zu Beginn Kompromisse gemacht werden müssen, dürfte selbst der größte Laie antizipieren.

Es ist natürlich nicht das erste Mal in der Veröffentlichung neuer Konsolen, dass die Titel zum Start keine Begeisterungsstürme eines GTA V auslösen können. Besonders zum Start der PlayStation 3 gab’s nur wenig, qualitativ hochwertige Kost, welche im Rückblick gleich nochmal doppelt mies schmeckt: Call of Duty 3, Genji: Days of the Blade, ein großer Haufen Sportspiele, Tony Hawk 8, Need for Speed: Carbon… einzig Resistance: Fall of Man und Ridge Racer 7 sind mir noch bis heute im Gedächnis geblieben.

Vielleicht bin ich auch nur etwas zu pessimistisch eingestellt und werfe einen zu kritischen Blick auf die Zukunft der Videospiele, welche online immer mehr verzahnt arbeitet, immer mehr Gimmicks und Features bietet und deren Kontroller mittlerweile ähnlich überfrachtet wirken, wie die Schaltzentrale einer Raketenabschussrampe. Vielleicht liegt’s auch daran, dass ich zum Beginn dieser Entwicklung noch mit Super Mario von links nach rechts gehüpft bin und mir diesen medialen Overkill nie so hätte vorstellen können.

Um auf die Frage zu Beginn zurückzukehren:

Ja, ich denke die Next Gen kommt tatsächlich zu früh.

Wie sich die neuen Konsolen auch verkaufen mögen, ich persönlich werde erstmal keine 400 oder 500 Euro dafür in die Hand nehmen um Hardware zu kaufen, die keine ausreichend attraktiven Exklusiv-Spiele bedient.

Den ganzen Tech-Freunden dieser Welt will ich die nächste Generation Ende November aber nicht madig machen – immerhin gibt es für einige Leute da draußen tatsächlich nichts schöneres, als mit einer neuen Konsole im Gepäck nach Hause zu stapfen, Kabel anzuschließen und durch das neue Interface zu manövrieren. Verrückte Welt.

Alle anderen Spieler brauchen sich in Sachen Spiele-Nachschub für die aktuelle Generation absolut keine Gedanken machen, was das Weihnachtsgeschäft 2013 angeht. Und wer von Euch so wahnsinnig war sich eine Wii U zu kaufen, der kann am Erscheinungstag der PlayStation 4 glücklich mit einem Super Mario 3D World nach Hause stapfen. Für die einzige „Next Gen“ Konsole die es aktuell schon zu kaufen gibt. Die hat auch ihre Probleme. Aber das, liebe Kinder, ist eine andere Geschichte.

Handfestere Infos zur nächsten Konsolengeneration findet Ihr in meinem Daddel-Wort zum „Generationswechsel“.