Daniel daddelt Call of Duty: Ghosts

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Call of Duty Ghosts

Mit Call of Duty: Ghosts steht bereits der zehnte, „große“ Teil (Handheld-Umsetzungen und Spin-offs außen vor gelassen) der beliebten Ego-Shooter-Saga in den Regalen und buhlt lautstark um Aufmerksamkeit. Seitdem der erste Teil Ende 2003 erschien und den Spieler in das Szenario des zweiten Weltkriegs verfrachtete, hat die Serie eine lange Entwicklung hinter sich. Wie schlagen sich die Ghosts an der neuen Front?

Von der Invasion der Normandie, bis hin zu Gefechten im Weltraum: Stilistisch hat sich Call of Duty im Laufe der Zeit immer weiter vom realistischen Kriegsspiel hin zum wahnwitzig übertriebenen Actionspiel(film) entwickelt, der den Spieler an die starke (und nicht loslassende!) Hand nimmt. Viele Entscheidungen nimmt der Titel dem Spieler ab, ein enger Tunnel folgt dem nächsten, nur um dann von erhobener Position auf ein größeres Feld zu blicken und Gegner wie Figuren in der Schießbude abzufertigen.

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Visuell und akustisch mag das noch immer funktionieren, aber die Spielmechanik ist kaum mehr, als eine kurze Geisterbahnfahrt mit wenig spannender Hintergrundgeschichte und uninteressanten Charakteren, die außer dem typischen „Hooray!“-Patriotismus nur selten Seiten von sich zeigen, die tatsächlich an den Charakter fesseln. Natürlich benötigen auch große Hollywood-Actionfilme selten eine gute Geschichte, um zu funktionieren – dennoch wünscht man sich während des Spielens etwas mehr Motivation, etwas mehr Anreiz, etwas mehr Erklärung.

Die Wechsel zwischen den Szenarien geschehen meist viel zu schnell, um wirklich Spannung oder Überraschung für die neue Umgebung zu vermitteln. „Boom!“ Wir sind im Weltall unterwegs! „Boom!“ Ab durch den Dschungel! „Boom!“ Burgruine! „Boom“ Unterwasser-Action! Die Kampagne überrascht mit extrem unterschiedlichen Umgebungen, hinterlässt aufgrund der extrem schnellen Abfolge der Szenarien aber nie Interesse für das „Hier und jetzt“, oder gar Interesse an Charakteren und Hintergrundgeschichte. Alles wirkt austauschbar, was im Angesicht des betriebenen Aufwands extrem Schade ist, denn einige Umgebungen könnten tatsächlich für so viel mehr hinhalten, als nur das schnelle Schießbuden-Spiel zu untermauern.

So verfliegt die Freude selbst in einzigartigen Szenarien, wie bei einem Ausflug ins Weltall und auf den Grund des Meeres schnell, wenn man nur wenige Sekunden später wieder auf feindliche Soldaten schießen muss, um das Abenteuer voranzutreiben. Immerhin weiß der viel gescholtene Call of Duty Hund zu gefallen: Der Schäferhund hilft an diversen Stellen weiter, manchmal schlüpft der Spieler sogar selbst in sein Fell. Solcher „mutiger“, neuer Spielelemente hätte es mehr bedarft, um das Spiel aufzuwerten.

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Ich bin kein Fan von Aussagen wie „Call of Duty: Ghosts ist schlechter, als Call of Duty: Black Ops 2!“, oder „Call of Duty: Ghosts ist grafisch erheblich schwächer als Battlefield 4!“. Das erste Ziel eines Tests sollte nicht der Vergleich mit anderen Produkten sein, auch wenn die Auseinandersetzung mit der Seriengeschichte und der Konkurrenz sicher interessante Details und wichtige Feststellungen für die Zukunft präsentieren kann.

Zuerst aber sollte das Produkt alleine für sich stehen, abseits jeglicher Konkurrenz, in sich geschlossen als Werk eines Entwicklers, als Aussage eines Spieldesigners. Bereits auf dieser Ebene lässt sich eben auch feststellen, dass Call of Duty: Ghosts in Sachen Spielmechanik zu simpel gestrickt daherkommt. Dies betrifft nicht nur den ohnehin sehr kurzen Einzelspieler-Modus, sondern vor allem die Paradedisziplin des Spiels, den Mehrspielermodus.

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Auch hier sind die dazugehörigen Karten auf den ersten Blick visuell hervorragend gestaltet, beim zweiten Blick offenbaren sich jedoch erhebliche Schwächen im Layout: Die zahlreichen Treppen, Gänge und Engstellen sind mit Löchern gespickt wie ein Schweizer Käse, Deckungen sind beim Treffen mit Gegnern sowieso zu vernachlässigen.

Das groß angekündigte Feature von „interaktiven Karten“ entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Blender: Hier lässt sich ein Tor herablassen, dort explodiert ein Auto, oder ein Mauer bricht ein. Spielerisch sind diese Dinge zu vernachlässigen, meist sogar so unspektakulär, dass man Sie im Eifer des Gefechts kaum wahrnimmt. Speziell im Vergleich mit Battlefield 4 (Dammbruch, Überflutungen, einstürzende Hochhäuser) ein äußerst laues Lüftchen, welches dem Spieler da entgegen weht.

Ebenfalls neu ist der Charakter-Editor, der Euch erstmals auch das Geschlecht Eures Soldaten festlegen lässt. Weitere Optionen verändern das Gesicht, Rüstungen und Co., wirklich tiefgreifende Veränderungen lassen sich jedoch nicht treffen. Dennoch eine nette Dreingabe. Die Größe der beiliegenden Karten fühlt sich an vielen Stellen als zu weit gefasst an, immerhin dürfen viele Spielmodi „nur“ mit maximal 6 gegen 6 Spielern bestritten werden. Bis man die Stelle auf der Karte erreicht, an dem ein roter Pfeil aufgeblinkt ist, hat sich die Situation meist so sehr verändert, dass die eingeblendete Karte streng genommen nutzlos ist – zumindest zur Erkennung von Gegnern.

In Sachen Spielmodi und Auswahl gibt es nichts zu mäkeln: Der Mehrspieler-Modus lässt sich auf so verschiedene Arten spielen, dass sich beinahe die Frage danach aufdrängt, wer das überhaupt alles spielen soll. Neben einigen sehr netten Variationen bekannter Spielmodi, ragt vor allem der neue Extinction Modus heraus. Während man in den Vorgängern noch auf Zombie-Jagd ging, sind es diesmal lästige Aliens, welche die Spieler zusammenrücken lassen. Extinction basiert auf dem klassichen Horde-Prinzip und wirft noch eine Prise Ziel-Verteidigung mit in den Pott.

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So rennen die Soldaten durch das Level, zerstören diverse Alien-Nester mit einem Bohrer und erwehren sich dabei immer neu erscheinender, extraterrestrischer Biester. Was für die erste Zeit noch lustig ist, verliert im Laufe der Zeit jedoch stark an Motivation: Wer die Levelstruktur durchblickt, und die Soldaten zum rettenden Hubschrauber begleitet hat, der findet nur wenig Anreiz, den Modus mehrere Male durchzuspielen.

Außerdem fehlt etwas ganz elementares, was den letzten Zombie-Auftritten bei Call of Duty: Black Ops 2 noch zu eigen war: Selbst-Ironie. Die Geschichte rund um die Aliens wird ohne jedes Grinsen im Gesicht heruntergespult, Ideen wie gigantische Zombie-Roboter oder „Zombies auf dem Mond“ werden schmerzlich vermisst. Eine Einstellung, welche übrigens auch der Einzelspieler-Kampagne an einigen Stellen gut zu Gesicht gestanden hätte.

Die technische Seite von Call of Duty: Ghosts klotzt ordentlich… und kleckert dabei. Viele im Spiel genutzte Inhalte kennt man bereits aus den Vorgängern, Texturen wirken nicht mehr zeitgemäß und sind bei näherer Betrachtung schlicht hässlich und verwaschen. Die Plattform-Unterschiede fallen derweil nicht so groß aus, wie sich viele zukünftige Käufer der Xbox ONE und PlayStation 4 wünschen würden. Dennoch ist die „Next Gen“ den Versionen für die aktuelle Generation vorzuziehen.

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PC-Spieler sollten sich den Kauf von Call of Duty: Ghosts im aktuellen Zustand (kurz nach der Veröffentlichung) gut überlegen: die Priorität von Hersteller Infinity Ward lag klar auf der Konsolenversion. Darunter leidet der Titel auf PC erheblich. Zuerst wären da die recht hohen Hardware-Anforderungen, die im direkten Vergleich zum technischen Schwergewicht Battlefield 4 als viel zu hoch angesetzt erscheinen und selbst auf gut gerüsteten Systemen für wenig nachvollziehbare Framerate-Einbrüche sorgen.

Hinzu kommt, dass Call of Duty: Ghosts stolze 50 Gigabyte Platz auf der Festplatte benötigt. Unverständlich: Spieler mit weniger als 6 Gigabyte Arbeitsspeicher erhalten beim Starten des Spiels eine Fehlermeldung und dürfen erst gar nicht anfangen zu spielen. Da hilft nur ein inoffizieller RAMfix, den es zur Zeit nur über wenig vertauenswerte Torrents aus dem Netz bezieht. Nochmal schwarz auf weiß: Unter 6 Gigabyte Arbeitsspeicher verweigert Call of Duty: Ghosts den Dienst!

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In Sachen Optionen gibt sich das Spiel auf PC leider auf die Grundlagen begrenzt: es gibt einen einzigen Soundregler (laut und leise, das war’s!) und die für viele PC-Spieler extrem wichtige FOV (das Sichtfeld auf dem Bildschirm) kann nicht eingestellt werden. Auf der positiven Seite steht zumindest auf Konsole die stets extrem flüssigen 60 Frames pro Sekunde, welche das Spielgeschehen perfekt wiedergeben. Visuell weiß der Titel aufgrund seiner zahlreichen Szenarien insgesamt zu gefallen.

Fazit: Call of Duty: Ghosts funktioniert als in sich geschlossenes Action-Vergnügen gut, bietet aber weitem keine überragenden Inhalte. Gemessen an der Vergangenheit der Serie, gehört der neueste Teil sicher zu den schlechteren Vertretern, was vor allem in der recht lustlosen Einzelspieler-Kampagne (mehr „Boom“, als Verstand) und den genannten Problemen im Mehrspieler-Modus liegt.

Nicht falsch verstehen: Trotz aller Kritik kann man durchaus auch mit Call of Duty: Ghosts seinen Spaß haben. Es sind eher die immens hohen Erwartungen, die von einer großen Firma wie Infinity Ward, respektive Activision schlicht besseres erwarten und den Titel deswegen aktuell als sprichwörtliches Gespenst durch’s Internet jagen.

Auf das Call of Duty der nächsten Generation müssen wir also noch etwas länger warten – der Großteil der ursprünglichen Entwickler arbeiten zur Zeit im neu gegründeten Studio Respawn am Xbox ONE exklusiven Mech-Shooter Titanfall. Gegen den aktuellen Konkurrenten von EA, Battlefield 4, gewinnt Call of Duty: Ghosts in jedem Fall keinen Blumentopf – doch dieses hat auch seine ganz eigenen Probleme.

Wirkliche Fans wird das alles nur wenig interessieren – muss es auch nicht. Sie bekommen mit den Ghosts genau das, was sie wollen: Mehr vom Selben. Mal schauen, wielange sich diese Formel für Activision rechnet. Irgendwo tief auf dem Waldfriedhof der Videospielwelt haucht eine leise Stimme traurig „Guitar Hero! Tony Hawk!“ vor sich hin. Noch so ein Geist.