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Farmville Fanatismus

by Daniel on 06.12.2009 · 3 comments

in Extraleben

5Ja, ich gebe es zu: Ich spiele Farmville! Facebook-User wissen sofort, was ich meine: Es handelt sich um das Spiel, welches die komplette Seite mit Meldungen wie “Karl hat eine einsame Kuh gefunden! Hilf Ihr!” oder “Laura hat ein rotes Bändchen für Baumkuscheln bekommen” zuspamt. Meine Meinung: Farmville rockt und bietet kreativen Sims-Fans eine großartige Spielwiese für langwierige Bürostunden.

Worum geht’s? Als Bauer kümmert man sich um seine Kühe, Schafe und Hühner, während Felder mit Korn, Tomaten und Rüben bestellt werden wollen. Was sich ziemlich spießig anhört, erweist sich schnell als Suchtspiel: Mittlerweile ist die Farmville-Community auf beinahe 65 Millionen aktive Mitglieder weltweit gewachsen und macht mit dieser Zahl sogar bekannte Netzwerke wie Twitter neidisch.

Farmville ist eine sogenannte Facebook-Application: Wer sich bei Facebook kostenlos anmeldet, erhält Zugriff auf jede Menge Spiele, Quizze und weitere, meist vollkommen sinnlose Community-Gadgets. Mit der gigantischen Anzahl aktiver Nutzer gehört Farmville zu den meistgespielten Online-Games bei Facebook – mittlerweile ist die Marke so erfolgreich, dass Hersteller Zynga das Spiel auch eigenständig im Internet zur Verfügung stellt. Zum Vergleich: Das erfolgreichste Online-Rollenspiel der Welt – World of Warcraft – umfasst “nur” 11 Millionen Nutzer.

FarmvilleAnfang Juni 2009 wurde Farmville veröffentlicht und war schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als eine Kopie. Thematisch ähnliche Spiele gab es schon vorher zuhauf: Farm Town von Slashkey zum Beispiel, oder die Harvest Moon Serie, deren erster Teil 1995 in Japan für das Super Nintendo erschien und deren zahlreiche Nachfolger heute auf Wii und Nintendo DS für fürsorgliche Bauernliebe sorgen. Selbst die Macher von Sim City (oder heutzutage: Die Sims) ließen sich 1993 zu einem Farmbesuch auf MS-Dos und Windows hinreißen: Sim Farm hieß der Titel, welcher jedoch in der Öffentlichkeit nur wenig Aufmerksamkeit erregen konnte.

Der Schlüssel zum überschwenglichen Erfolg von Farmville liegt vor allem in der Vernetzung mit Facebook: Egal ob auf der Arbeit, im Urlaub, oder im heimischen Wohnzimmer: Die persönliche Farm ist überall erreichbar. Dazu kommt der Community-Gedanke: Auch Freunde sind mit ihrer eigenen Farm vertreten, welche besucht und ebenfalls gepflegt werden kann.

FarmvilleDabei fängt alles ganz klein an: Nachdem man sich seinen eigenen Farmer aus einer recht beschränkten Anzahl von Frisuren, Augen und Nasen zusammengebastelt hat, wird man auf ein kleines, rechteckiges Stück Land losgelassen:  Zuerst ist die Auswahl an pflanzbaren Samen stark begrenzt, doch mit der Zeit schaltet man neben Erdbeeren, Auberginen und Weizen noch viele weitere frei.

Mit jedem bestellten Feld verdient der strebsame Bauer Erfahrungspunkte; nach einer bestimmten Zeit (bei Erdbeeren sind es vier Stunden) darf geerntet werden, die gewonnenen Goldmünzen wandern auf das virtuelle Konto. Wer zulange wartet (bei Erdbeeren über acht Stunden), der lässt die Früchte verdorren und erhält kein Geld. Natürlich muss man während dieser Zeit nicht vor dem PC hocken – wer spät abens Tomaten pflanzt, kann diese nach acht Stunden beruhigt am nächsten Vormittag ernten.

Eine weitere Möglichkeit an Geld zu kommen sind Bäume und Tiere – einmal auf der Farm verteilt, bringen diese im Tagesrythmus einen kleinen Bonus. Der Vorteil: Weder Bäume noch Tiere können “schlecht” werden – sie begleiten den Farmer also sein ganzes Leben lang (was auf einigen Farmen für äußerst dicht gedrängte Massentierhaltung sorgt).

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Neben Geld spielt auch der Erfahrungsbalken eine große Rolle: Mit jedem gekauften Gegenstand und geernteten Feld levelt der Farmer weiter auf. Je weiter man levelt, desto mehr Optionen zur Farmgestaltung gibt es: Von der obligatorischen Farmvergrößerung, über neue Bäume und Gegenstände – hieraus erzielt Farmville seinen wesentlichen Reiz. Zusätzliche Anreize bietet das durchdachte Community-System: Desto mehr Nachbarn neben der heimischen Farm siedeln, desto größer kann man expandieren. Dazu kommt, dass man die Farmen der Nachbarn besuchen kann und sich gegenseitig Geschenke schicken kann.

Zuletzt versüßt Zynga seinen Nutzern die Farmville-Zeit durch Jahreszeit-spezifische Gegenstände: Passend zu Weihnachten werden Rentiere verteilt, ein Weihnachtsbaum gepflanzt und Weihnachtssterne angebaut. Einige Farmer verdienen ihren virtuellen Ruhm mittlerweile mit wahren Kunstwerken: Per Stapeltechnik werden 3D-Objekte vorgetäuscht, per farbiger Heuballen Pixelnachbauten von Super Mario, Pac Man und Co. auf den Farmboden gezeichnet.

Farmville richtet sich an Nutzer jeden Alters und sorgt für mehrere, unterhaltsame Stunden vor dem PC. Vor allem Fans von Aufbauspielen fühlen sich gleich heimisch: Die Optik ist niedlich verspielt, die Kontrollen simpel und übersichtlich, der optionale Sound entspannend.

Negative Kritik aus den Medien gibt es derweil für die optionale Geldausgabe: Wer spezielle Objekte kaufen will, kann auch ganz reales Geld dafür ausgeben. Darüberhinaus gibt es die Option diverse Abos und Newslettern für virtuelles Farmgeld einzutauschen – wer sich auf so etwas einlässt, sollte sich über versteckte Kosten und Abzocke nicht wundern.

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community big

Damals bin ich noch mit meinem Passwort-Heft bewaffnet zu einem Freund spaziert (zu Fuß!!! mehrere Kilometer!) und habe in selbst betitelter Real-Community-Exchange-Work Nintendo-Spiele am Fließband durchgezockt. Das heißt: Ich durfte solange zocken, bis ich ein Leben verlor und vice versa. Zum Glück hauchte man damals seine  virtuellen Leben recht schnell aus – nichts im Vergleich mit an jeder zweiten Ecke verteilten Rücksetzpunkten, unendlich Leben wie bei Call of Duty: Modern Warfare 2 oder nach jeder Feindbegegnung abspeichern.

mario kartNur wenige Jährchen danach erblüht der Splitscreen-Modus auf heimischen Konsolen und lässt diese über Super Mario Kart bis zum inoffiziellen Vorgänger von Perfect Dark zur genialen Party-Alternative werden. Wer besäuft sich mit Kollegen in der Altstadt, wenn er sich anstelle dessen mit drei Freunden auf einem gigantischen Röhrenfernseher (mindestens 68 Zentimeter!!!) rote Schildkrötenpanzer oder außerirdische Laserstrahlen um die Ohren hauen kann?

Gefühlte 1000 Jahre später erblüht meine Xbox 360 im neuen Community Licht: Facebook, Twitter, Last.fm und wie sie nicht alle heißen finden Einzug auf meiner geliebten Dadddelkiste. Selbst PS3-Jünger bleiben nicht verschont: Auch hier macht sich die Facebook-Seuche breit.

ken mastersPlötzlich reichen nicht mehr “nur” drei Freunde – mittlerweile stapeln sich meine Gönner im dreistelligen Bereich, darunter jedoch auch Leute wie der “Hannes”, den ich noch aus der vierten Klasse kenne, damals in Street Fighter 2 abgezogen und seitdem nicht mehr wiedergesehen habe. Oder natürlich die Freunde meines Freundes Freundin, deren Namen ich mir nur per Facebook merken kann.

Die Frage ist berechtigt und wichtig: Wieviel Community braucht eigentlich ein Gamer?  Und ist diese Frage so sehr verschieden von “Wieviel Community braucht eigentlich der Mensch an sich?”. Eine philosophische Abhandlung über modernes Gruscheln, Anstupsen, Gruppen-Nase-Bohren und Radio hören mit mehreren Leuten gleichzeitig – garantiert voll virtuell und voll nicht echt!

Zu Anfang: Ich muss gestehen, dass ich langsam aber sicher zum facebook- und Twitter-Zombie verkomme. Schnell noch die letzte Blog-News per Twitter um die halbe Welt geschickt, schnell noch den letzten Tropfen Milch aus den virtuellen Kühen meiner Farmville-Ranch gequetscht und ganz dringend: Die letzten Bejeweled Blitz Highscores checken und so schnell wie möglich wieder zur Spitze spielen!

Der Xbox-Auftritt von facebook überrascht mich in der Hinsicht eher negativ: Kein einziges Spiel lässt sich bequem vom Sofa zocken. Klar, ich kann sehen, dass Mister Wong mal wieder in Café World expandiert hat, oder dass Miss Chen am Quiz “Wer hat die längsten Hängetitten?” teilgenommen hat – aber selbst daran teilnehmen? Fehlanzeige! Ich surfe also meine Community ab, schau mir einige Fotos an (immerhin: dies klappt reibungslos!) und… stehe dort, wo ich am Anfang stand.

twitterTwitter hingegen erweist sich auch auf der Xbox 360 als praktisch: Wer seinen faulen Popo nicht zum PC bewegen will, bleibt halt den ganzen Tag auf dem Sofa up to date. Steffie twittert, dass ihr Freund Tobi Schluss gemacht hat, weil er die Beziehung langweilig fand. Tobi twittert, dass seine neue Gina echt knackige Oberschenkel hat und Gina twittert, dass sie sich Fett absaugen hat lassen.

Sinnvolle Twitter gehen im Community-Chaos schnell unter: So twittern bekannte Größen aus der Videospielkultur aus dem Nähkästchen, Spiele-Blogs verraten euch die heißesten News und Spiele-Shops verraten geänderte Erscheinungstermine.  Ebenfalls praktisch: Jeder deutsche Bahnhof twittert zeitnah Verspätungen – so kann man sich die PSP- und DS-Session auf der kalten Bahnhofsbank besser einteilen. Wer seine Lieblingstwitter vernünftig wählt, verbindet sich mit einem der schnellst-aktualisiertesten News-Feeds der Neuzeit.

Auswirkungen auf aktuelle und kommende Spiele? Zumindest bei mir: NADA! Sowohl facebook als auch Twitter bringen für mich persönlich keinerlei Mehrwert hinsichtlich Spielspaß oder Nutzen: Ich werde weder mit “Hannes” eine Runde Street Fighter 4 online zocken, noch mit hakeliger Joypad-Tastatur die tollen Farmville-Bilder von Miss Chen kommentieren. Was mich fast zur nächsten Frage führt: Wer nutzt eigentlich die Tastatur für eine Konsole (egal in welcher Form)?

Bevor ich noch weiter lamentiere, hier mein kleines Fazit: Konsoleros sind im KERN noch immer jung gebliebene Single-Player. Ich weiß, damit lehne ich mich weit aus dem Fenster – aber ich persönlich zocke seit Anbeginn aller Zeiten – und zumindest für mich passt dieser Satz.

Ja, es ist toll, wenn ich mit meinen Freunden online zocken kann, online chatten kann, online rauchen, saufen und “fett abgehen” kann (besonders bei billigen Tanzspielchen im Playstation Home)… ABER wie oft macht man sich schon die Mühe den werten Kollegen um kurz nach Mitternacht wachzuklingeln, das Headset aus der Schublade zu kramen (ein ganz schöner weiter Weg für einen Sofa-Menschen!) und dann noch den ganzen Verbindungskram (Partyeinladung versenden, annehmen, “hörst du mich?”, “check one, check two”) zu erledigen…

Und wer schon zu faul ist mit GUTEN Freunden gemeinsam zu zocken – wem bringen da Pseudo-Internet-Freundschaften wie facebook und Co. wirklich weiter?

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